Die Schulbuchverlage werden sich freuen: Annette Schavan, die Bundesbildungsministerin äußerte den Wunsch, einheitliche Schulbücher für ganz Deutschland zu entwickeln. Nun ist Schule zwar Ländersache, aber sie will ihren Plan mit finanzieller Unterstützung des Bundes schmackhaft machen. Den Schulbuchverlagen ging es in letzter Zeit schlecht: Die vielen Bundesländer und Schulformen, die ständigen Reformen nicht nur der Rechtschreibung, sondern auch der Lehr- bzw. Bildungspläne und zudem die Sparmaßnahmen in den Landeshaushalten sorgten für relativ kleine Auflagen der mehr als 2.000 unterschiedlichen Schulbücher, und sie führten auch dazu, dass so mancher Lehrer das Kopieren von Texten in Klassenstärke für sinnvoller hielt, als Schulbücher zu kaufen. Aber mit bundesweit vereinbarten Bildungsstandards, mit zentralen Abschlussprüfungen und mit dem Vorstoß Richtung einheitliche Schulbücher wächst der Druck, wieder Schulbücher zu kaufen. Mit der Föderalismusreform ist die „Kulturhoheit“ der Länder gestärkt worden, und deshalb legt Frau Schavan Wert auf eine Gegensteuerung im Sinne einer auch gebotenen „gesamtstaatlichen Verantwortung“, zumal Deutschland bei internationalen Vergleichsstudien wie PISA, IGLU, TIMSS, DESI, DELPHI und wie sie sonst noch so heißen, regelmäßig ziemlich schlecht abschneidet. Eltern, die mit ihren Kindern innerhalb Deutschlands umziehen, weiß die Bundesbildungsministerin jedenfalls auf ihrer Seite, denn mit der Unterschiedlichkeit der Lehrpläne von Region zu Region verliert so manch ein Schüler, eine Schülerin ein Schuljahr durch den Umzug der Familie.


Aber der Schavan-Plan hat auch Nachteile: Immer mehr Schulen profilieren sich mit Schulprogrammen. Sie setzen sich Schwerpunkte musischer, technischer, mathematischer, naturwissenschaftlicher, fremdsprachlicher oder sportlicher Art, sie wollen im Wettbewerb um die Anmeldezahlen auch den individuellen Besonderheiten in Bezug auf Begabungen, Motivationen und Elternerwartungen entfernt wohnender Schüler und Schülerinnen entsprechen. Schließlich hat sich die Kultusministerkonferenz mitsamt der Mehrheit der deutschen Lehrerverbände auch auf ein Papier „Fördern und Fordern“ geeinigt, mit dem Individualisierung beim Lernen ausgebaut werden soll. Denn wie sagen doch die Finnen? „Jedes Kind ist und hat eine unebene Lernlandschaft!“ Auf Dauer darf es jedenfalls keine Gleichheit der schulischen Angebote geben, weil dann noch viel mehr Schülerinnen und Schüler als heute „auf der Strecke bleiben“ würden. Es muss – wie in den Niederlanden –, die das bunteste Schulwesen der Welt haben, eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse mit höchst unterschiedlichen Profilangeboten geben. Deshalb wäre es besser, es wie die Schweden, Finnen und Niederländer zu machen: Extra dünne Lehrpläne, die nur die Ziele angeben, nicht aber die Themen, und dann muss die Schule vor Ort selbst entscheiden, wie sie diese Ziele erreichen möchte und zu diesen Zielen gehört dann nicht Wissen über den Dreißigjährigen Krieg, wie die Hauptstadt von Ghana heißt und wie viele Nebenflüsse die Elbe hat, sondern Lesen, Schreiben, Rechnen, Zuhören und Redenkönnen, Selbstständigkeit, Teamfähigkeit, Informationskompetenz, Kreativität und das Beherrschen von zwei Fremdsprachen.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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