Von dem, was ein junger Mensch einmal liest, bleibt im Durchschnitt nur zehn Prozent auf Dauer haften. Lesen bringt also einerseits für das Lernen nicht so viel wie Aussprechen, Erklären, Handeln und Präsentieren; andererseits ist Lesen aber eine “Türöffnerkompetenz”, wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin formuliert. Denn wer nicht lesen kann, kann auch nicht gut Geschichte oder Biologie lernen und später keinen Überweisungsauftrag ausfüllen oder einen Mietvertrag verstehen.

 

Lesekompetenz wird also zu recht bei fast allen Schülerleistungsvergleichen wie TIMSS, PISA, IGLU oder DESI gemessen. Nur mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen sieht es bei jungen Menschen in Deutschland überhaupt nicht gut aus. Deutschland steht bei einer internationalen Lesestudie der OECD- Staaten vor Belgien auf dem vorletzten Platz. Spitzenreiter ist Island vor Finnland, Norwegen und Schweden. Die Tendenz weist sogar immer noch weiter nach unten: Während 1992 noch 16 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen regelmäßig Bücher und Zeitungen lasen, sind es heute nur noch fünf Prozent.

 

Umgekehrt hat der Anteil der “Nieleser” in diesen Altersgruppen im selben Zeitraum von 20 Prozent auf 29 Prozent zugenommen. Jungen lesen übrigens nur halb so häufig wie Mädchen. Konsequenzen werden in Deutschland bislang kaum aus dieser Entwicklung gezogen. Man nimmt einfach hin, dass junge Menschen heute lieber ihre Zeit vorm Fernseher, vor dem DVD-Player, der Spielkonsole oder in der Fußgängerzone und in Discos sowie auf Partys verbringen, als in Ruhe ein Buch zu lesen. Nur einige wenige Schulen machen mit Lesenächten oder Lese- und Schreibwerkstätten, von Autoren geleitet, Mut; denn zum Lesen lassen sich Kinder relativ rasch motivieren.

 

Dänemark hat da besser reagiert. Während alle anderen skandinavischen Länder beim Lesen ganz oben liegen, schnitt Dänemark nur auf dem drittletzten Platz, also direkt vor Deutschland ab. Für die dänischen Lehrer war das ein von ihnen unerwarteter Schock, so dass sie sofort begannen, ihre Schüler so oft, wie es geht, an Bücher und Zeitungen heranzuführen, mit großem Erfolg!

 

Autor: Peter Struck, Foto: Flickr/Robert of Fairfax

Drucken Versenden