Die Gemeinschaftsschule, die so etwas wie eine neunjährige Grundschule ist, wird ab August an neun oder zehn Standorten in Schleswig-Holstein eingerichtet sein. Sie steht als Regelschule nun auch aufgrund einer Vereinbarung der Großen Koalition von CDU und SPD im Schulgesetz. In einer “Landesverordnung” ist geregelt, wie sie im Detail gestaltet sein soll. Sie verpflichtet die Lehrkräfte zur “individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler”; so etwas hat es bislang in Deutschland noch nicht gegeben, und deshalb besteht bundesweit große Spannung, wie dieses Ziel wohl umgesetzt wird. Individualisierung zwingt beispielsweise zum Abschied von der Unterbringung der Kinder nach Geburtsjahrgängen; sie sollen stattdessen jeweils in der Stufe lernen, die ihrem Entwicklungsstand entspricht. “Flexible Unterbringung” nennt man das, und das schließt so etwas wie Sitzenbleiben aus, zwingt aber auch zur intensiven deutschsprachigen Förderung von Schülern mit Sprachdefiziten. Bis zur Klasse 6 gibt es keine Leistungsdifferenzierung mehr, ab Klasse 7 werden Leistungskurse in Mathe und Erster Fremdsprache eingerichtet, ab Klasse 8 auch in Deutsch und ab Klasse 9 in den Naturwissenschaften.

 

Im Widerspruch zur Idee des gemeinsamen und zugleich individualisierenden Unterrichts bleibt auf Wunsch der CDU aber leider ein uralter deutscher Zopf, den man in keinem anderen Land der Welt mehr mit sich herumträgt, bestehen: Es gibt auch an der Gemeinschaftsschule nach Klasse 9 einen Hauptschulabschluss und nach Klasse 10 einen Realschulabschluss sowie die Versetzung in die gymnasiale Oberstufe. Das war schon ein Anachronismus der deutschen Gesamtschulen. Hauptschulabschlüsse braucht man nämlich gar nicht mehr, sondern nur noch entweder eine Ausbildungsreife nach Klasse 10 oder eine Studienreife nach Klasse 12, zumal Hauptschulabsolventen heutzutage kaum noch einen Ausbildungsplatz finden. Was soll diese gezielte Benachteiligung?

 

Lernen braucht Zeit und sowieso Individualisierung. Also sollen Gemeinschaftsschulen als Offene Ganztagsschulen geführt werden, die man mittags verlassen, in denen man aber auch bis 16 Uhr bleiben kann. Eine Offene Ganztagsschule hat aber im Unterschied zur verpflichtenden Ganztagsschule den großen Nachteil, dass sie das Lernen nicht zu rhythmisieren vermag. Sie muss die für alle Schüler verbindlichen Fächer auf den Vormittag legen und alle Ergänzungen in den Nachmittag, so dass im Auge des Schülers alles, was nachmittags liegt, als eher unwichtig abgewertet wird, und der von Hirnforschern für das Lernen so wichtige Wechsel von Anspannung und Entspannung ist dann auch nicht möglich. Schade!

 

Autor: Peter Struck, Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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