Der berühmte Hirnforscher Manfred Spitzer aus Ulm behauptet: „Der Lehrer ist mit weitem Abstand wichtigster Faktor beim Lernen in der Schule (…), man kann nicht sagen, woran das liegt, aber man sieht es sofort, dem einen hängt die Klasse an den Lippen, der andere kann machen, was er will, und keiner hört zu“.

 

Damit will er aber nicht sagen, dass der Lehrer, die Lehrerin für seine Schülerinnen und Schüler lernen könne, das können sie nur selbst. Er ist also nur so etwas wie ein Medium, ein Motivator, jemand, der für die Lernatmosphäre zuständig ist, nicht für das Lernen selbst, denn die Schüler und Schülerinnen müssen beim Lernen die Tore selber schießen, nicht der Lehrer oder die Lehrerin – wie die Finnen sagen.


 

Die gute Lehrkraft hat Autorität, die schlechte muss autoritär sein, weil sonst alles aus dem Ruder läuft. Autoritäres Verhalten kennzeichnet also unfähige Lehrende, die eventuell zwar den Lehrstoff beherrschen, die aber nichts rüberbringen. Autoritative Lehrer und Lehrerinnen müssen hingegen keinen Druck ausüben. Aus der Psychotherapie weiß man, was sich in der Pädagogik erst noch herumsprechen muss: Es kommt nicht auf die Methode an, sondern darauf, ob und wie Therapeut und Klient miteinander klarkommen.


 

Gute Lehrende müssen also zunächst einmal nur da sein, während schlechte vor allem abwesend sein müssen. Und wenn der bzw. die gute Lehrende da ist, ist egal, ob er bzw. sie erzählt, vorliest, am Computer, an der Tafel oder am Overhead unterrichtet, ob er bzw. sie frontal vorgeht oder Gruppenarbeit macht. Wichtig ist nur, dass die Lernenden ihn bzw. sie mögen, dass er bzw. sie Coach ihres Selbstlernens ist. Spitzer zitiert deshalb eine Lehrerin, die sagt: „Wenn ein Lehrer Erfolg hat, wenn die Schüler bereit sind, sich anzustrengen, wenn sie Ungewöhnliches leisten, dann liegt es nicht an irgendwelchen fachlichen Qualifikationen, sondern immer an der Liebe zwischen ihm und den Schülern“.


 

Daraus folgt aber auch, dass nicht jede Lehrperson für jeden Schüler, jede Schülerin optimal sein kann und umgekehrt, dass eine Lehrperson für wenige Schüler gut sein kann, für die meisten aber nicht. Gute Lehrende müssen immer zwei Eigenschaften haben: Sie müssen Spaß an der Schule haben (was nur bei einer Minderheit zutrifft), und sie müssen Lust auf die Sache, also auf das zu Unterrichtende haben, so wie ein Coach im Sport Freude an der Sportart haben muss, aber auch seine Sportler mögen muss, wenn er erfolgreich sein will. Für Bildungsministerien, Schulämter sowie Schulleiter und -leiterinnen bedeutet das: Lehrerinnen und Lehrern sollte so wenig wie möglich vorgeschrieben werden, was zu tun ist; sie sollten selbst wissen und unterscheiden, wann sie was mit den Lernenden bearbeiten. Das haben die Schweden und Finnen begriffen, die Deutschen aber durchweg noch nicht. Wer Lehrerinnen und Lehrer mit vielen Erlassen einengt, wer sie mit Lehrerarbeitszeitmodellen entwürdigt und lähmt und ständig mit Reformkonzepten von oben herab verunsichert, der baut eine schlechte Schule, die bei PISA schlecht abschneidet, wie es Deutschland passiert ist.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

Drucken Versenden