Oft werde ich von Eltern gefragt, ob ich ihnen eine „gute“ Schule empfehlen könne. Nun ist einerseits klar, dass die Frage je nach Besonderheit des einzelnen Kindes anders beantwortet werden muss und dass andererseits meist Wegeprobleme im Wege stehen; denn was nützt es einer Familie, wenn die nächste besonders „gute“ Schule 150 Kilometer entfernt liegt? Aber ich kenne Familien, die von Hamburg nach Wiesbaden, Jena, Friedrichshafen, Potsdam oder Herten umgezogen sind, um ihrem Kind eine optimale Lernsituation zu verschaffen. Die besonders erfolgreichen deutschen Schulen haben sich mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung zu einem Schulverbund mit dem Namen „Blick über den Zaun“ zusammengefunden, um, wie die Formulierung bereits verrät, voneinander zu lernen.


 

Sie wollen eben noch besser werden als sie sowieso schon sind. Wohlgemerkt gibt es viele andere exzellente deutsche Schulen, die nicht zu diesem Verbund gehören, und vor allem gibt es etwa 5.000 Schulen in Deutschland, die bereits auf dem Weg sind, ebenso gut zu werden. Die etwa 60 zu diesem Verbund gehörenden, außerordentlich erfolgreichen Schulen lassen sich hier nicht aufzählen, aber es gehören dazu die IGS Göttingen-Geismar, die IGS Braunschweig-Querum, die Montessori-Oberschule Potsdam, die Bodenseeschule St. Martin Friedrichshafen, die Max-Brauer-Gesamtschule Hamburg, die Jenaplan-Schule Jena, die Laborschule Bielefeld, die Peter-Petersen Schule Köln, die Gesamtschule Holweide Köln, die IGS Franzsches Feld Braunschweig, die Helene-Lange-Schule Wiesbaden, die Offene Schule Kassel, die IGS Flensburg, die Freie Schule Rügen und die Grundschule Klixbüll.


Da alle diese Schulen weitaus mehr Anmeldungen als Plätze haben und überdurchschnittlich viele Schülerinnen und Schüler zu hochwertigen Abschlüssen und in Ausbildungsverträge oder Hochschulstudiengänge führen, müssen sie gut sein. Aber was macht sie so gut?


 

Sie nehmen Kinder ernst, sie gehen auf die individuellen Besonderheiten jedes Lernenden ein, sie lassen sie selbstständig Handeln, Reden und Fehlermachendürfen lernen, sie spielen die Bedeutung von Noten herunter und verzichten – wenn möglich – darauf, sie bringen die Schüler und Schülerinnen jahrgangsübergreifend unter und lassen sie flexibel lange in Lerngruppen verweilen, verzichten also auf das Element des Sitzenlassens, sie sorgen für einen Konsens im Lehrerkollegium, in dem in Teams statt mit „Einzelkämpfern“ gearbeitet wird, sie sind Ganztagsschulen, sie behandeln Eltern gleichberechtigt und nicht von oben herab, sie integrieren so lange wie möglich, sie vernetzen das schulische Lernen mit der Arbeitswelt, mit der Nachbarschaft und mit dem Gang in die Natur, sie geben Berichtszeugnisse in Ergänzung zu den Notenzeugnissen, sofern sie noch Noten geben müssen, sie machen Hausbesuche, sie sind materialreich ausgestattet und haben ihre Architektur, sofern das überhaupt möglich ist, Richtung Lernwerkstatt bzw. Lerndorf verändert. Vor allem haben sie aber zweierlei verstanden: Wenn eine Schule gut ist, ist sie es immer auch unabhängig von einer Regierung, und wenn sie gut ist, kann sie es immer auch ohne mehr Geld sein. So heißt es in der Erklärung des Verbundes unter anderem: Schule muss sich von der herkömmlichen Belehrungsanstalt zu einer „lernenden Institution“ wandeln, und Reformen gelingen nur „von innen“ und „von unten“, nie von außen und von oben.

 

Das „Oben“ muss allerdings begünstigen, indem die Schulen in die Eigenverantwortlichkeit mit Profilbildung, eigener Budgetierung, Personalhoheit und Kommunalisierung hinein frei gelassen werden.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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