In Nordrhein-Westfalen begann schon vor vielen Jahren ein Modellversuch, mit dem Studierende am Schluss des Semesters ihre Professorinnen und Professoren bewerten. Nachlesen kann man die Ergebnisse auf der Internetseite www.meinprof.de. Mittlerweile gibt es solche Angebote auch für Schülerinnen und Schüler.


Auf der Internetseite www.spickmich.de können Lernende ihre Lehrkräfte in neun Aspekten bewerten: sexy, cool, beliebt, motiviert, menschlich, gelassen, Unterrichtsqualität, Prüfungsverhalten und Notengerechtigkeit. Über 100.000 Mal wurden dafür bislang die Schulnoten eins bis sechs vergeben. Folge: wütende Beschimpfungen per Brief oder Mail an die Initiatoren, die zum Schluss kommen: Die Lehrkräfte ertragen so etwas nicht, muten ihren Schülerinnen und Schülern aber Ähnliches zu. Hier stimmt also die Symmetrie des Umgangs miteinander nicht. Klar, könnte man sagen, Lehrkräfte hätten Lebenserfahrung, beherrschten den Unterrichtsstoff, sind älter und weiser und seien deshalb legitimiert, über junge Menschen zu urteilen, junge Menschen hingegen könnten gar nicht ermessen, was gute und schlechte Lehrende sind.


 

Aus der Geschichte kennen wir diese Asymmetrie, denn vor langer Zeit hatten Kinder ihre Eltern zu siezen, wurden umgekehrt aber geduzt, und so ist es auch heute noch in Schulen. Als in den 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts infolge des „Kleinen Roten Schülerbuchs“ viele deutsche Lehrkräfte dazu übergingen, sich von den Lernenden duzen zu lassen, gab es viel Unmut, obwohl die Autorität eines Lehrers, einer Lehrerin doch viel zu mager ist, wenn sie nur auf dem Sie beruht.

 

Selbst die sich doch oft so emanzipierend und modern gravierende Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nimmt Anstoß an der Benotung von Lehrenden, die die Hamburger Schulbehörde mittlerweile allgemein angeordnet hat, allerdings nicht in der Form der Bewertung durch Schüler und Schülerinnen, sondern durch Schulleiter und -leiterinnen.

 

„Noten im Internet sind ein Stil von Kritik, der nicht weiterhilft“, argumentiert der GEW-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen: „Kinder und Jugendliche müssen lernen, Kritik öffentlich zu äußern“. Nun, öffentlich ist das ja im Internet, aber die meist heimliche Kritik sei nicht so fair wie eine von Person zu Person geäußerte. Wie dem auch sei, die Initiatoren der Internetseite www.spickmich.de haben festgestellt, dass viele Referendarinnen und Referendare sowie junge Lehrkräfte nach miesen Noten ihren Unterricht in Rücksprache mit ihren Klassen umgestellt haben und dann prompt deutlich besser benotet wurden! Von der Benotung der Lehrer und Lehrerinnen haben also auch Schülerinnen und Schüler profitiert, während dadurch wahrscheinlich keiner von ihnen Nachteile in Kauf nehmen musste. Schule ist nun mal für Lernende da und nicht für Lehrende. Allerdings kann man dennoch gegen Noten sein, dann aber nicht nur gegen Noten für Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch gegen Noten für Schülerinnen und Schüler. In Schweden bekommen die Schüler und Schülerinnen bis zur Klassenstufe 8 keine Noten, und dennoch – oder vielleicht  sogar deswegen – ist Schweden sowohl bei der IGLU-Studie für Viertklässler als auch bei der TIMS-Studie für Zwölftklässler Weltmeister geworden.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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