Wenn vor zehn Jahren ein fünfjähriges Mädchen eingeschult wurde, weil es schon im Kopf so weit war, war das schlimm. Ein solches Mädchen hatte eine große Chance, Außenseiterin zu werden, ständig wegen seiner Kleinheit gemobbt bzw. gehänselt und ausgegrenzt zu werden, es fand keine Freundinnen und wurde oft seelisch krank. Heute sind schon in manchen Regionen ein Drittel aller Schulanfänger erst fünf Jahre alt.

 

Immer mehr Eltern haben gerade auch wegen der PISA-Schocks und der Schwierigkeiten, einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu ergattern, Angst, dass ihr Kind nicht „oben“ ankommt. Genau diese Eltern fragen einmal in der Woche schon in Klassenstufe 1 bei der Lehrerin nach, „ob es auch etwas mit dem Abitur wird“, und nerven in Klassenstufe 2 immer wieder, „wieso die Parallelklasse im Mathebuch schon eine Seite weiter ist“. Der Wettlauf Richtung Abitur begann vor 20 Jahren meist erst in Klasse 4; heute beginnt er schon im Kindergarten, leider aber oft auch noch früher, indem das 16-monatige Kind bereits in einer Kumon-Schule, noch Windeln tragend, Mathe und Englisch lernen muss oder mit drei Jahren schon in einem Institut zur fremdsprachigen Frühförderung in eine ungewisse Zukunft hinein verplant wird, durchweg, um den ehrgeizigen Lebensentwürfen seiner Eltern entsprechen zu sollen.

 

Andererseits gibt es aber nicht nur immer mehr vernachlässigte Kinder, sondern auch immer mehr mit hoher Verantwortung, also der jeweiligen Entwicklungsstufe entsprechend, früh optimal geförderte Kinder, die sich zu Hause langweilen würden, wenn sie nicht mit fünf Jahren in die Schule gehen dürfen. Wenn Mama nur ein Kind hat, viel mit dem Kind spielt und spricht, wenn sie bereits in der Sandkiste für soziale Erfahrungen gesorgt hat, wenn sie immer nur pädagogisch wertvolles Spielzeug besorgt hat, für ausreichend Bewegung, Materialerfahrungen und gute Ernährung gesorgt hat, wenn das Kind in einem Strand-, Wald-, Watt-, Bewegungs-, Sport- oder Bauernhofkindergarten mit Sinnespfaden und Snoezelen-Raum war, dann ist es mit fünf Jahren durchaus so weit, dass es gut den schulischen Anforderungen entsprechen kann, ohne dass seine Kindheit aufgeopfert wird. Die europäischen und die deutschen Kultusminister haben das erkannt und gehen immer mehr in die Richtung Einschulung mit fünf Jahren, oft noch ergänzt mit einer vorausgehenden zweijährigen Vorschule wie in Luxemburg. Und das nützt dann auch den beiden unterschiedlichen Gruppen von Kindern, die wir mittlerweile haben: Die vernachlässigten bzw. „störenden“ Kinder müssen mit fünf in die Schule, weil die Eltern das Erziehungsgeschäft nicht bewältigen, und die frühgeförderten Kinder müssen auch mit fünf in die Schule, weil sie sonst unterfordert bleiben.

 

Einige Bundesländer haben deshalb das Einschulungsalter mit sechs abgeschafft, um individuelle Entscheidungen vom Entwicklungsstand des Kindes her zu ermöglichen, andere unterscheiden zwischen „Muss-Kindern“, die spätestens mit sechs Jahren in die 1. Klasse kommen, „Kann-Kindern“, die schon mit fünf eingeschult werden, und „Darf-Kindern“, die im Einzelfall mit Zustimmung des Schulleiters schon mit vier Jahren in die 1. Klasse gehen können. Nun darf man allerdings nicht den Eltern allein die Entscheidung über die Einschulung überlassen, denn sie überschätzen oft ihr Kind, oder sie wollen es mit Abgabementalität einfach nur früh loswerden. Deshalb ist schon gut, was Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und auch Schleswig-Holstein anbieten, nämlich eine „Flexible Eingangsphase“, auch „Flex-Klasse“ genannt, in der das Kind ein, zwei oder drei Jahre verbleiben kann, bevor es in die 3. Klasse kommt, in der die Kinder dann verschieden alt, aber ähnlich leistungsfähig sind. Nur solche Flex-Klassen setzen eine andere Art von Unterricht voraus und bieten auch eine völlig andere Ausstattung in völlig anderen Räumlichkeiten. Eine solche gute Idee, die auch von der Erkenntnis gespeist wird, dass Kinder in jahrgangsübergreifenden „Lernfamilien“ anders und schneller lernen, braucht also eine völlig andere Lehrerbildung und eine wesentlich höhere finanzielle Unterstützung.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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