Wir brauchen Lehrer für Schüler, nicht für Fächer. Ein deutscher Gymnasiallehrer weiß immer, dass er Paul jederzeit wieder los werden kann: Er kann ihn sitzen lassen, er kann ihn zur Realschule zurücklaufen lassen und er kann ihn mit Hilfe von anderen Lehrern und dem Schulleiter sogar der Schule verweisen. Er muss sich also nicht auf die besondere Lern- und Motivationslandschaft von Paul einstellen. Ein finnischer Lehrer hingegen weiß immer, dass er Janne sowieso nie los wird. Es gibt dort kein gegliedertes Schulwesen, es gibt kein Sitzenlassen, es gibt keine Sonderschulen, und die nächste Schule ist 180 km entfernt. Er wird sich also auf die Eigentümlichkeit von Janne einstellen, er wird individualisieren. Sechzehn deutsche Schulminister und fast alle deutschen Lehrerverbände haben sich im Oktober 2006 auf ein Papier mit der Überschrift „Fördern und Fordern“ geeinigt, in dem es um die individuelle Förderung des Schülers geht. So etwas hat es als Leitgedanken in Deutschland noch nie gegeben! Es handelt sich dabei im Wesentlichen um eine Verabschiedung des Bemühens um Gleichmacherei. Eine achte Realschulklasse ist in Deutschland ein Symbol für das Bemühen um Gleichmacherei, denn die Klassenlehrerin muss unbewusst davon ausgehen, dass alle vor ihr sitzenden 28 Schüler leistungsgleich sind, denn sie sitzen nicht in der 7. Klasse, nicht in der 9. Klasse, nicht in der Hauptschule und nicht im Gymnasium. Sie sind, was Leistungserwartungen anbelangt, von vier Seiten her eingemauert. In einer Klasse einer Integrierten Gesamtschule und in jahrgangsübergreifenden Lernfamilien kommt hingegen eine Lehrerin nie und nimmer auf die Idee, dass alle vor ihr sitzenden Schüler leistungsgleich sind.

 

Eine deutsche Halbtagsschule schafft Raum für eine Besonderheit, die nirgendwo auf der Welt so stark gepflegt wird wie in Deutschland, nämlich für den Nachhilfeunterricht. Und der individualisiert auf missliche Weise: Rund zwei Milliarden Euro geben deutsche Eltern pro Jahr für Nachhilfe aus. Nur 20 Prozent aller Nachhilfeschüler sind Haupt- und Gesamtschüler, die meisten sind Gymnasiasten. In den alten Bundesländern haben viel mehr Schüler Nachhilfe als in den neuen. Wohlhabende Eltern nutzen die Nachhilfe viel häufiger als sozial schwache Familien. Nachhilfe ist eine Ersatzleistung der Familie für das, was die Schule nicht hinbekommen hat und Nachhilfe fördert gesellschaftliche Selektion, denn schwache Kinder „besserer Kreise“ kommen eher zu einem hochwertigen Schulabschluss als intelligente Kinder von Sozialhilfeempfängern.

 

Von Chancengerechtigkeit – vor über 40 Jahren von der Aktion Gemeinsinn mit dem Slogan „Schick deine Kinder länger auf bessere Schulen!“ propagiert – kann in Deutschland nach wie vor keine Rede sein, was vor allem an der Existenz von Halbtagsschulen und von Hauptschulen liegt. Länder mit langen ungegliederten Grundschulen und mit Ganztagsschulen kennen diese gesellschaftliche Selektion über das Schulsystem so nicht und deshalb schlägt in Polen, in Portugal, in den USA, in Kanada und in den Niederlanden die finanzielle Situation der Familie nicht so auf den Schulerfolg wie in Deutschland. „Gesellschaftliche Integration gelingt durch Schulen, oder sie misslingt durch Schulen“ haben Spitzenpolitiker aller Parteien nach den Ereignissen an der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln vor einigen Jahren in die Mikrofone von Redakteuren gerufen. Aber wann setzen sie diese richtige Erkenntnis endlich in eine zeitgemäße Schulgestaltung um?

 

Schleswig-Holstein ist zumindest mit den Ideen Regionalschule, Gemeinschaftsschule und dem Verhindern von Sitzenlassen auf einem guten Weg. Denn dass mit einer Studie der Universität Bielefeld gerade ermittelt wurde, dass 69 Prozent aller Nachhilfeschüler ihre Leistungen infolge des Nachhilfeunterrichts verbessert haben, nützt denjenigen Schülern gar nichts, deren Eltern sich keinen Nachhilfeunterricht leisten können. Denen bleibt aber immerhin ein dicker Trost: Wenn ein schwacher Schüler gemeinsam mit einem guten Mitschüler Hausaufgaben macht, profitiert er mehr davon, als wenn er ein teures Nachhilfeinstitut besucht! Und noch ein Wermutstropfen für die Eltern, deren Kinder Nachhilfe bekommen: Laut dem Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung führt ein Nachhilfeunterricht, der über neun Monate lang anhält, eher zur Unselbstständigkeit des Schülers, weil er sich daran gewöhnt, dass ihm immer bei der Lösung von Aufgaben geholfen wird.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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