Es gibt ein Land, in dem viele der besten Abiturienten Lehrer werden wollen, obwohl Lehrer dort ein Drittel weniger verdienen als in Deutschland. In diesem Land haben Lehrer ein sehr hohes Ansehen – in Deutschland nicht. „Faule Säcke“ hat Gerhard Schröder die deutschen Pädagogen einmal genannt. Horst Köhler hat sich dafür unlängst indirekt entschuldigt, indem er die deutschen Lehrer als „Helden des Alltags“ bezeichnete. Und in diesem eingangs erwähnten Land kommen auf 100 Studienplätze Richtung Lehramt etwa 1000 Bewerber. Das bedeutet strenge Auswahlverfahren; keine Prüfung in diesem Land ist so schwierig wie die, die dem Lehrerstudium vorausgeht. Aber dabei richtet man sich nicht nach Noten im Abiturzeugnis, sondern nach etwas ganz anderem, nämlich danach, ob die künftigen „Lernberater“ den Schülern gut tun. Denn was sagt man in dem Land? „Eine gute Schule erkennt man nicht daran, dass die Lehrer Fragen stellen können, sondern daran, dass die Schüler das können.“ Und dann wird bedauert: „Leider gibt es immer noch Lehrer, die die Tore beim Lernen selbst schießen wollen, statt wie ein Coach am Spielfeldrand stehend den Schülern zu helfen, dass sie die Tore schießen.“ Jean Piaget hat das noch schärfer formuliert: „Leider gibt es immer noch Lehrer, die den Schülern beim Lernen abnehmen wollen, worauf die Schüler hätten auch selbst kommen können.“ Wer in jenem Land Kinder unterrichten will, muss bereit sein, bis zur sechsten Klasse Muttersprache, Englisch, Mathematik, Geographie, Geschichte, Biologie, Physik, Chemie, Kunst, Sport, Werken, Religion und Ethik zu unterrichten.

 

Was passiert in der Aufnahmeprüfung? Es gibt Fragen wie „Warum willst du Lehrer werden?“ Es wird geprüft, wie der Kandidat mit seiner Körperspannung während der Einzelgespräche umgeht. Wer während der Prüfung nicht einmal lacht, fällt ebenso durch wie derjenige, der zu viel redet. Man wählt niemanden aus, weil er gut Klavier spielt; aber man nimmt denjenigen, der begeistert davon spricht, wie er den Schüler für das Klavierspielen zu motivieren gedenkt. Ein Motto heißt: „Gute Pädagogen erkennt man nicht daran, was sie tun, sondern daran, was sie weglassen und zulassen, frei nach dem Motto Jean Pauls: „Uhren und Kinder darf man nicht permanent aufziehen, man muss sie auch einmal laufen lassen“. „Kinder aufzurichten ist wichtiger als Kinder zu unterrichten“ ist ein weiteres Motto.

 

Wie heißt dieses Land? Es ist Finnland, der zweimalige PISA-Weltmeister. Die Aufnahmeprüfungen zum Lehrerstudium koordiniert dort seit vielen Jahren Matti Meri. Er fällt durch ungewöhnliche Aussagen für unsere Ohren auf: „Warum unterrichtet man in Deutschland noch Erdkunde und Biologie statt Klima und Ernährung?“, „Warum lässt man in Deutschland noch Schüler sitzen, statt ihnen zu helfen den Anschluss zu kriegen?“, „Warum gibt es in Deutschland noch Hauptschulen, die schwache Schüler von den mitreißenden Lerneffekten der guten abkoppeln?“, „Warum gibt man in Deutschland für Grundschüler weniger Geld aus als für Oberstufenschüler, obwohl es doch auf den Anfang ankommt, wenn Kinder das Lernen lernen sollen?“ Jedenfalls resümiert Matti Meri: „Die meisten deutschen Lehrer sind Spezialisten für Unterrichtsfächer, aber nicht für Kinder; solche Fachidioten würde man in Finnland weder ins Lehrerstudium lassen noch in den Schulen beschäftigen“. Da fällt einem doch glatt Otto Herz, der ehemalige Leiter der Bielefelder Laborschule, mit seinem Seufzer ein: „Oh, könnten die deutschen Lehrer doch bitte sehr endlich einmal etwas gelöster daherkommen!“ In Finnland spricht man von dem „gelassenen Lehrer“, der während seines Studiums in den Stärken seiner Persönlichkeit gefördert wird, der aber nicht wie bei uns dem Ideal eines austauschbaren Stundengebers zu frönen hat. In Finnland dürfen Lehrer sich voneinander unterscheiden; das dürfen die Schüler übrigens auch, so dass sich dort z.B. auch kein Mensch über so etwas wie Schuluniformen Gedanken macht.

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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