Für so manchen deutschen Schulbürokraten war ein Schock, was Dieter Lenzen, der Präsident der Freien Universität Berlin, da als Gutachten des “Aktionsrates Bildung” im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft vorgelegt hat: Privatisierung aller Schulen, Abschaffung des Beamtenstatus von Lehrern, befristete Zeitverträge für Lehrer, Vorschulpflicht vom 4. Lebensjahr an sowie viel mehr Geld für den Vor- und Grundschulbereich, Zusammenfügen von Hauptschulen und Realschulen und eine deutlich länger währende Grundschule; das sind die Forderungen des sechsköpfigen hochkarätigen Expertenteams. In den Niederlanden sind 76 Prozent aller Schulen Privatschulen, die werden aber komplett vom Staat bezahlt. In Finnland gibt man für Vor- und Grundschulen deutlich mehr aus als für die Gymnasien. In Kanada bekommen alle Lehrer nur Zeitverträge. Und eine Vorschulpflicht vom 4. Lebensjahr an gibt es in Luxemburg. Die Ideen des Aktionsrates Bildung sind also nicht nur im Kopf geboren, sie sind in schulisch erfolgreichen Ländern schon hier und da umgesetzt.

 

Die deutschen Schulen leiden zur Zeit erheblich unter der zentralen Lenkung des Staates, unter erlassreicher Bürokratisierung, unter der “Testeritis”, mit der sie ständig vermessen werden, unter der Ärmlichkeit ihrer Ausstattung, unter ihrer Gliederung in höherwertige, mittelmäßige und minderwertige Bildungsgänge mit der zu frühen Abkoppelung schwacher und schwieriger Schüler von den mitreißenden Effekten der guten, unter der Restkonzentration niederlagengebeutelter Schüler in Hauptschulklassen, Sonderschulen und Klassen für Ausbildungs- und Joblose in Berufsschulen sowie unter der Unterentwicklung der Lehrerfortbildung, aber auch unter einem überhaupt nicht mehr zeitgemäßen Lehrerstudium.

 

Privatschulen sind nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit Erfolgsmodelle. Sie haben einen höheren Anteil an guten Schulen als die staatlichen Schulen. Der Staat mit seiner planwirtschaftlichen Lenkung bekommt das nicht so gut hin. In den Niederlanden bekommt die Schule Geld pro Schüler und Geld pro Erfolg des Schülers. Privatschulen sind Wirtschaftsbetriebe, und sie müssen sich in einem Wettbewerb der Profile, also in einem Wettbewerb von Anmeldungen und Abschlussquoten behaupten. Das macht sie leistungsstark, und das haben inzwischen auch einige Kultusminister verstanden, indem sie schon bei der Einschulung den Eltern die Wahl der Schule überlassen und indem sie die eigenständige, die eigenverantwortliche, die selbstständige Schule, die sich den Bedürfnissen ihrer Region anpassen darf, begünstigen. Niedersachsen macht das gerade ganz gut. Die Schulräte wurden abgeschafft, deren Funktion wurde den Schulleitern übertragen, die Schule darf sich zur Nachbarschaftsschule profilieren, der Staat schickt gelegentlich Schulinspektoren, die Mängel erfassen und dann beraten, aber nicht lenkend eingreifen und kontrollieren, Schul-TÜV heißt das. Der Aktionsrat Bildung meint nämlich nicht so sehr eine totale Privatisierung der Schulen, sondern ein Management im Sinne einer privaten Trägerschaft plus Kommunalisierung. Bislang geht es jedenfalls in Deutschland ziemlich ungerecht zu: Der Privatschüler bekommt vom Staat weniger Geld als der staatliche Schüler, obwohl die Eltern von Privatschülern ebenso Steuerzahler sind wie die Eltern von staatlichen Schülern. Nach Auffassung vieler Menschen ist das grundgesetzwidrig.

 
 
Autor: Peter Struck, Foto: Flickr/Robert of Fairfax
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