Schule verändert sich nicht nur, weil Deutschland immer häufiger guckt, wie es Finnland, Schweden, Kanada und die Niederlande mit ihren Erfolgsmodellen machen. Schule verändert sich nicht nur, weil immer mehr Eltern andere Schulen wollen und deshalb pro Jahr etwa 50 neue Privatschulen eröffnet werden. Schule verändert sich nicht nur, weil uns die Hirnforscher belegen, wie falsch wir es mit dem Lernen organisiert haben.

Schule verändert sich auch, weil immer mehr Betriebe in Deutschland, zumal Großbetriebe, anders qualifizierte Bewerber haben wollen. Sie schauen bei den Schulabsolventen nicht mehr auf die Noten in den Abschlusszeugnissen, sondern führen Aufnahmeverfahren über zwei bis drei Tage durch, um festzustellen, ob die Kandidaten selbstständig, teamfähig, kreativ, flexibel, kommunikationsstark, erkundungsstark, handlungskompetent, konfliktfähig sind und vernetzt denken können. Schlüsselqualifikationen, Kernkompetenzen oder Soft Skills nennt man diese Eigenschaften junger Menschen, mit denen der Wirtschaftsstandort Deutschland künftig seine Wettbewerbsfähigkeit bis hin zum Aspekt “Exportweltmeister” erhalten kann. “Wir müssen immer etwas besser sein als China, Japan, Indien, und die USA” sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Braun, “um den Lebensstandard in unserem Land erhalten zu können.”

 

Deutsche Schüler lernen zur Zeit mehrheitlich noch so, dass sie bestenfalls das Wissen so reproduzieren können, wie die Schule es eingeführt hat. Aber kaum läuft das Leben später etwas anders, sind viele Deutsche unflexibel hilflos. Das Emotionale, Musische, Kreative, Kommunikative und Soziale liegt in der rechten Hirnhälfte des Menschen, die Schule fördert aber weitgehend nur die linke Hirnhälfte mit dem Kognitiven, dem Rationalen, dem Zahlenverständnis und den technischen Anteilen von Sprache wie Wortschatz, Grammatik und Fremdsprachenkompetenz. Musik gehört in die rechte Hirnhälfte, wird aber in unseren Schulen weitgehend noch über die linke unterrichtet. Wenn nur zehn Prozent der deutschen sechzehnjährigen das Hebelgesetz (“Kraft mal Kraftarm ist gleich Last mal Lastarm”) nennen können und nur die Hälfte davon auch zeigen kann, wie dieses Gesetz auf einen Nussknacker und eine Walnuss anzuwenden ist, wenn nur zehn Prozent der Hamburger Abiturienten in der Lage sind, die Aufgabe “Wie viele Möglichkeiten gibt es, auf einem Bücherbord fünf dicke, vier mittlere und drei dünne Bücher so anzuordnen, dass Bücher gleicher Dicke nebeneinander stehen bleiben?” zu lösen (Antwort: sechs Möglichkeiten), dann stimmt irgend etwas nicht mit dem Unterricht in unseren Schulen.

 

Kinder lernen am besten über Um- und Irrwege, behaupten die Hirnforscher. “Fehler und Probleme sind Freunde beim Lernen”, sagen die Kanadier deshalb. Und Erstklässler müssen von Anfang lernen, sich selbst einschätzen zu können, sagen die Finnen. Es ist einer Demokratie unwürdig, junge Menschen von außen zu bewerten, statt ihnen dabei zu helfen, sich selbst angemessen zu bewerten; das braucht aber viele Jahre, bis es gelingt. Kinder wollen sich in der Resonanz anderer Menschen spiegeln, und da wollen sie mehr hören als “das ist eine Drei”. Eine Fünf unter einem Aufsatz beschämt sie und lässt sie eher resignieren, als dass sie zu neuen Leistungen anspornt. Langer Rede kurzer Sinn: Wir brauchen eine andere Fehlerkultur beim Lernen, wenn junge Menschen leistungsfähig werden sollen; was jedoch kontraproduktiv ist, ist Fehlermachen bloß mit roter Tinte und schlechten Noten zu verfolgen.

 
Autor: Peter Struck, Foto: Flickr/Robert of Fairfax
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