Es gibt in Deutschland viele gute Lehrer; manche haben aber Spaß daran, Kinder fertig zu machen. Sie ziehen ihren Stoff durch und überlassen alles Andere dem häuslichen Nachhilfeunterricht. Sätze wie “Du wirst es nie schaffen” oder “Ich hatte noch nie eine so schlechte Klasse” gehören zum Alltag in deutschen Schulen. In Finnland hingegen setzen sich Lehrer nach dem Unterricht noch mit einem Schüler hin, um ihm zu helfen, und die Schüler haben die Privatnummern sämtlicher Lehrkräfte in ihrem Handy.

 

Aber man muss nicht immer nur nach Finnland gucken. Vor allem Polen hat zwischen PISA 1 und PISA 2 deutlich zugelegt. Polen hat seine Grundschule verlängert, wie es jetzt auch Schleswig-Holstein plant. Alle Schüler bleiben aber auch danach noch drei Jahre zusammen, bevor dann die Differenzierung in Lyzeen, die zum Abitur führen, und Profil-Lyzeen mit berufsbildenden Schwerpunkten einsetzt. “Nicht Fakten pauken, sondern lernen, die Welt zu verstehen” ist das oberste Motto der polnischen Schulen. Die Lehrpläne werden nicht zentral vorgegeben, sondern wie in Finnland von der einzelnen Schule selbst entwickelt, mit dem Ergebnis, dass mittlerweile 85 Prozent aller polnischen Schüler zum Abitur oder Fachabitur kommen, in Schweden sind es nur 75 Prozent, in Finnland 70 Prozent und in Deutschland gar nur etwa 30 Prozent. Was die Polen verstanden haben: Es muss Schluss sein mit einer Auslese, die schon Zehnjährige vor ihrem eigentlichen Entwicklungsschub zu Verlierern stempelt und die in Deutschland dazu führt, dass jeder vierte Schüler auch noch mit 15 Jahren auf dem Niveau von Zehnjährigen liest und schreibt, weil er sich mit der Empfehlung “hauptschulgeeignet” allzu früh selbst aufgibt.

 

In Finnland und Polen sind die Lehrer für die Kinder da und nicht umgekehrt. Wir brauchen also kein Bundesschulministerium, wir brauchen stattdessen die Stärkung der einzelnen Schule vor Ort mit Personalhoheit, eigener Budgetierung und dem Recht auf Profilbildung, und ansonsten brauchen wir einen Rahmen aus Brüssel, der EU-einheitlich gestaltet, was man kaum in Deutschland, aber schon in Finnland, Schweden, Polen und in den Niederlanden sehen kann: Frühere Einschulung, Erste Fremdsprache ab Klasse 1, neunjährige Grundschule, Ganztagsschule, selbstständige Schule, sieben oder acht Jahre Notenfreiheit und eine völlig andere Lehrerbildung. 

 
Autor: Peter Struck, Foto: Flickr/Robert of Fairfax
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