Die deutschen Schulen haben drei Besonderheiten, die es so in Skandinavien nicht gibt: Schwache Schüler haben Angst vor schlechten Noten, gute Schüler haben Angst, als “Streber” von Mitschülern gemobbt zu werden, und der Lehrer entspricht ganz oft einem Feindbild aus der Sicht von Schülern und Eltern. Deutschland hat auch deshalb bei PISA relativ schwach abgeschnitten, weil es so wenig besonders leistungsstarke Schüler aufweist, denn gute Schüler bemühen sich hierzulande allzu oft, keine guten Leistungen zu zeigen. Streber sind Schüler, die die Durchschnittsnote einer Klasse “versauen”.

 

So etwas gibt es in Schweden und Norwegen gar nicht, denn dort bekommen Schüler bis zur Klasse 8 überhaupt keine Noten! Wir haben ein Schulsystem, in dem immer noch Lernen über Angst und Selektion statt über Motivation und Integration organisiert wird. Das belastet das Schulklima. Viele Deutsche glauben immer noch, Lernen müsste bitter und Lehrer hätten vor allem streng zu sein. So lässt sich der Unterschied zwischen deutschen und schwedischen Schulen – leicht übertrieben akzentuiert – so zusammenfassen: In Deutschland wirken Lehrer häufig wie benotende Stundengeber in einer Unterrichtsvollzugsanstalt, in Schweden aber mehrheitlich – wie auch an Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen – wie gastgebende Lernberater in einem kundenorientierten Dienstleistungsbetrieb, der eher wie eine Lernwerkstatt als eine Belehrungsanstalt anmutet.

 

Reinhard Kahl hat das einmal so kritisiert: “Warum gehen in Deutschland viele Kinder so zur Schule, als müssten sie zum Zahnarzt? Warum erinnert ihr Lernen zuweilen an Bulimie: Informationen sammeln, Prüfungen bedienen und sich wieder entlasten? Könnte es sein, dass deutsche Schüler häufig deshalb so widerwillig lernen, weil das Lernen ihnen eher als eine Art Fronarbeit erscheint und nicht etwa als das faszinierende Projekt des eigenen Lebens?… Lernen wird bei uns häufig zum Mittel fürs bloße Überleben entwertet. Welche Noten brauche ich, um aufs Gymnasium zu kommen?… Wer das Nötigste geschafft hat, lehnt sich dann zurück, stellt nur noch seinen Körper in der ungeliebten Anstalt ab und geht mit seiner Phantasie spazieren”. Erst wenn es den deutschen Lehrern gelingt, Lernen aus dem Gefühl eines ständigen Abstiegskampfes heraus durch ein Lernen zu ersetzen, das Vorfreude auf die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten in einer eigenen guten Zukunft weckt, dann hätten wir auch wieder mehr leistungsstarke Schüler und bessere PISA-Ergebnisse. Die Gemeinschaftsschule Schleswig-Holstein könnte das schaffen, wenn sie nicht die Fehler der Gesamtschulideologen der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wiederholt.

 

Autor: Peter Struck, Foto: Flickr/Robert of Fairfax

Drucken Versenden