von Ariane Otto

 

Inputvorträge

 

Den Einstieg in das Thema bereitete Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Er stellte vor, wie die bpb neue Wege einschlägt, um Jugendliche in ihrem politischen Engagement und ihrer Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu stärken. Das Prinzip der Peer Education stellt dabei ein Schlüsselelement dar, bei dem junge Menschen befähigt werden sollen, selbst als Multiplikatoren zu fungieren. Dabei wird schnell klar, dass sich in den Projekten insbesondere Heranwachsende aus dem bildungsaffinen Bereich angesprochen fühlten. Um ebenfalls Jugendliche aus dem bildungsfernen Milieu zu erreichen, bedarf es, laut Thomas Krüger, einen Ausbau innovativer Projekte, die mithilfe des Peer-to-Peer-Ansatzes die Sprache der Jugendlichen bedienen und sie somit zur Teilhabe motivieren. Für die Qualitätssicherung sorgten sogenannte Coachings, in denen die Peers fit gemacht werden, um mit dem notwendigen Know-how, ihr Wissen und Interesse an junge Menschen auf Augenhöhe weiterzutragen. Entscheidend sei dabei die Haltung der Erwachsenen. Lehrkräfte müssten erkennen, dass es nicht darum geht, sie zu ersetzen. Ziel sei es, vorhandenes Kapital und Engagement der Jugendlichen zu erkennen und zu nutzen. Dies ist letztendlich immer auch mit einer stückweisen Kontrollabgabe und Mehraufwand verbunden. Es sind jedoch die daraus resultierenden Gewinne, welche die bpb veranlasst, diesen Lebensweltansatz zu verfolgen, um eine Teilhabe aller zu ermöglichen.

 

Im Anschluss gab Dr. Annegret Schmalfeld Einblicke in die entwicklungspsychologische Sicht auf Peers. Sie ging den Fragen nach, wer oder was Peers sind und was sie leisten können. Aufgrund ihres gleichen Alters befinden sie sich auf einem ähnlichen Stand ihrer moralischen und kognitiven Entwicklung. Sie werden mit vergleichbaren Entwicklungsaufgaben konfrontiert und können somit als Expertinnen und Experten in eigener Sache angesehen werden. Ausgehend von diesen Grundlagen stellte sie das Forschungsvorhaben PIN – Peers in Netzwerken der Leuphana Universität Lüneburg vor, in dem sie sich mit der Qualität von Peerbeziehungen beschäftigt und der Frage nachgeht, wie Schule peergerecht umgestaltet werden kann. Ein wesentliches Fazit von Schmalfeld wurde auch an dieser Stelle laut, wenn es darum geht, Peers in ihrer Sozialisationsfunktion anzuerkennen: Es bedarf vor allem ein Umdenken, um stärkenorientiert arbeiten zu können und ein Lernen auf gleichem Entwicklungsniveau zu ermöglichen.

 

Bevor sich die Teilnehmenden auf die SpeedLabs verteilten, stellte sich das Projekt Peer-Leader International vor, was einen gelungen Einstieg für die bevorstehenden Einblicke in die Praxis gab. Projektberater Andreas Joppich trat dabei in einen Dialog mit Peer Leader Pascal Werk, der als „alter Hase“ vom Beginn des Projekts und dessen Umsetzung humorvoll berichtete. PLI ist ein Netzwerkprojekt, das über regionale Grenzen hinaus geht und Jugendliche aus Deutschland, Brasilien und Südafrika dabei unterstützt, gemeinnützige Projekte zu initiieren. In einer einjährigen Ausbildung zum Peer Leader finden sich die Jugendlichen in themenbezogenen Gruppen zusammen und suchen sich Experten, die ihnen Wissen beispielsweise in den Bereichen Sexualität, Politik oder Gesundheit liefern. In dieser Zeit lernen sie, die Dinge besser zu verstehen und zu vermitteln und erhalten die Möglichkeit, sich damit zu beschäftigen, was sie interessiert. Nach einer erfolgreichen absolvierten Ausbildung gehen die Peer Leader, im Alter zwischen 13 und 20 Jahren, selbstbewusst in diverse PLI-Projekte und erproben sich selbst durch aktives Engagement.

 

 

Vom Belehrer zum Begleiter

 

Im ersten LernLab stellten Thomas Lüdecke und Mandy Voggenauer die Evangelische Schule Berlin Zentrum vor. Mithilfe eines kleinen Videoausschnitts demonstrierten sie den Teilnehmenden, wie Peer Education im Chemieunterricht von Mandy Voggenauer nicht nur punktuelle Anwendung findet, sondern den Unterricht maßgeblich bestimmt. Die Vermittlung der Lerninhalte werden den Schülern und Schülerinnen der Oberstufe selbst in die Hand gelegt. In Teams erarbeiten sie sich das jeweilige Stoffgebiet und geben es dann in den Unterrichtsstunden an ihre Mitschüler und -schülerinnen weiter. In den darauffolgenden Übungsphasen überprüfen die Educatoren mittels eigener Testfragen den Wissensstand der Klasse und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Voggenauer möchte so Abschied von der Rolle des Belehrers, der Belehrerin nehmen und begleitet stattdessen den durch die Lernenden gestalteten Unterricht. Sie unterstützt da, wo Hilfe gefordert wird und zeigt auf, wie sich die Jugendlichen ihr Wissen eigenaktiv aneignen können. Mit der Initiative „Schule im Aufbruch“ strebt die Evangelische Schule Berlin Zentrum eine Kultur an, in der durch Kreativität, Eigenverantwortung und Freude nachhaltig gelernt werden soll. Sie legt mit ihrem Selbstverständnis den Grundstock und die notwendigen Ausgangsbedingungen für das Lernen auf Augenhöhe. Voggenauer beschreibt ihre Unterrichtspraxis als „die Spitze des Eisbergs“, die ohne Unterstützung und Zuspruch von Kolleginnen und Kollegen wie Thomas Lüdecke nicht zu erklimmen gewesen wäre. Es bedarf einer Menge Mut, so viel Vertrauen in die Jugendlichen zu haben. Dafür ist ein Kollegium notwendig, in dem eine wirkliche Kooperation betrieben wird und Transparenz und Teamarbeit vordergründig ist. Für Interessierte steht die Tür zum Lernbüro von Mandy Voggenauer jederzeit offen. Bitte Anklopfen und Hereintreten (Kontakt: fridolinfox(at)gmx.de)!

 

 

Peer Training in Sachsen

 

Anika Noack teilte sich mit Sebastian Schwabe im zweiten SpeedLab eine runden Tisch. Beide berichteten von ihren Erfahrungen mit Peer Education in den Regionen Dresden und Leipzig. Sebastian Schwabe ist seit acht Jahren selbst als Peer Trainer im Verein Peer Training Sachsen engagiert und kennt sich bestens mit dem Thema Peer-Trainer-Werden, Peer Trainer-Sein aus. Der Verein führt in interessierten Schulklassen Workshops zum Thema Diskriminierung, Gruppendynamik oder Gewalt durch. Darüber hinaus haben die Jugendlichen die Möglichkeit, selbst als Peer Trainer ausgebildet zu werden und profitieren dabei von den langjährigen Erfahrungen bereits aktiver Trainer.

 

Mitstreiterin Anika Noack stellte das Peer Leadership Training für demokratische Bildung und interkulturelle Kompetenz in Sachsen vor. Mittel- und Förderschüler und -schülerinnen im Alter von 16 Jahren sollen in Teams zu Multiplikatoren ausgebildet werden, um sie in ausgewählten Projekten zum Thema Rechtsextremismus oder Konflikt- und Gewaltlösungsstrategien einzubeziehen. Ziel der zweijährigen Ausbildung ist es, ein umfangreiches Wissen in den demokratischen Themengebieten zu vermitteln und den Jugendlichen einen Methodenkoffer an die Hand zu geben, mit dessen Hilfe sie erfolgreich in die Diskussion mit Gleichaltrigen kommen können. Nach einem Jahr Laufzeit resümiert Noack als besondere Herausforderung des Projekts die heterogenen Voraussetzungen der zukünftigen Peer Leader. Dabei musste zunächst einmal eine Basis geschaffen werden, die zum einen die Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit und zum anderen das vorhandene Wissensspektrum der Jugendlichen betraf. Sie machte deutlich, dass eine eins-zu-eins Adaption der Trainingsinhalte insbesondere in verschiedenen Bildungsmilieus nicht möglich ist. Eine ständige Reflexion der Praxis ist notwendig, um flexibel auf die unterschiedlichen Gegebenheiten reagieren zu können.

 

 

Graffiti und Facebook

 

Nach einer Verschnaufpause und Verköstigung aller Teilnehmenden und Referierenden ging es auf in die nächste Runde. LernLab Nummer drei teilten sich Silke Baer, Leiterin von Cultures Interactive e.V. und Karin Wunder, Projektleiterin der Selbstschutz-Plattform juuuport.

Mit dem Modellprojekt Fair Skills stellt Baer einen Qualifizierungslehrgang vor, der insbesondere Jugendliche anspricht, die Schwierigkeiten im Bereich Lernen haben, Brüche in ihren Schulkarrieren aufzeigen oder auf negative Berufsperspektiven blicken. Nach dem Motto: Das, was ich kann, gebe ich an andere weiter!, werden die Jugendlichen je nach ihren Interessenlagen wie Graffiti, Skateboarding, DJing oder Breakdance zum Jugendkulturtrainer ausgebildet. Der letzte Workshop fand in Weimar statt, zu dem Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik kamen und in den Bereichen Praxisworkshop, Projektmanagement sowie politische Bildung geschult wurden. Der Anreiz für eine Teilnahme ist laut Silke Baer recht simpel: die Jugendlichen bekommen die Möglichkeit kostenlos über ihre Wohnortgrenzen hinaus zu reisen, um mit Gleichaltrigen das zu tun, was sie gut können. Die heterogene Gruppenzusammensetzung führt dazu, dass die Jugendlichen mit teilweise konträren Erfahrungen und Einstellungen zum Lehrgang kommen. Für die Praxis hat sich deshalb eine psychologische Begleitung während der Gruppenarbeit als unabdingbar herausgestellt, um die Teilnehmenden zur Selbstreflexion anzuregen und aufkommenden Konflikten konstruktiv begegnen zu können. Einblicke, wie die Jugendlichen die gemeinsamen Tage miteinander verbringen, finden sich unter www.cultures-interactive.de/konzept-fairskills.html.  

Neben jugendkulturellen Aktivitäten wie DJing oder Breakdance steht die digitale Medienwelt bei den Heranwachsenden hoch im Kurs. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind für viele die Treffpunkte im Internet und bieten zahlreiche Möglichkeiten für den Aufbau sozialer Kontakte oder das Einholen neuester Informationen. Dass das world wide web auch Gefahren birgt, ist durchaus bekannt. Genau an dieser Stelle setzt die Selbstschutz-Plattform juuuport an. Sogenannte juuuport-Scouts im Alter zwischen 15 und 21 Jahren beantworten Fragen und Probleme von Jugendlichen rund um die Themen Mobbing im Internet, Abzocke oder neueste Technik. Die Scouts arbeiten ehrenamtlich und können sich jederzeit Rat und Unterstützung bei Experten beispielsweise aus dem rechtlichen Bereich einholen. Ein wesentliches Kriterium für das Gelingen von juuuport scheint zum Einen der schnelle und unkomplizierte Weg für den Erhalt kompetenter Beratung zu sein. Zum Anderen bietet die Plattform die Möglichkeit der Anonymität, was es den Jugendlichen erleichtert, sich über unangenehme Themen auszutauschen.

 

 

Von Anne Frank und den Yeps

 

LernLab vier gestalteten Larissa Weber vom Anne Frank Zentrum und ihre Koreferentin Svetlana Alenitskaya, die im Rahmen der bpb im Peer-to-Peer Projekt Young European Professionals, kurz Yeps, tätig ist.

Ziel des Anne Frank Zentrums ist es, Jugendliche in ihrem zivilrechtlichen Engagement zu unterstützen. Dafür reist eine Wanderausstellung rund um das Thema Anne Frank durch Deutschland und regt an, sich mit Geschichte, Demokratie und Menschenrechten auseinanderzusetzen. Schüler und Schülerinnen vor Ort werden zu Peer Guides ausgebildet und begleiten Jugendgruppen oder Schulklassen durch die Ausstellung. Die Jugendlichen werden auf diese dialogorientierten Führungen mithilfe eines zweitägigen Seminars vorbereitet. Das Vorwissen der zukünftigen Guides zum Thema ist höchst unterschiedlich. Ein über die Jahre immer weiter ergänztes Lexikon gibt einen Überblick zu allem, was man zum Leben der Anne Frank wissen sollte. Daneben hält es wertvolle Tipps und Tricks bereit, wie man unerwarteten Situationen während einer Begleitung durch die Ausstellung begegnen kann. Der Anspruch liegt jedoch nicht darin, als Peer Guide auf alle Fragen und alle Situationen fehlerfrei zu reagieren. Larissa Weber betont, dass dies auch den zuständigen Lehrenden bewusst sein sollte und ein korrektives Eingreifen durch die Pädagogen meist kontraproduktiv wirkt. Ein kürzlich entgegengenommener Anruf zeigt Frau Weber erste Erfolge in Bezug auf die Nachhaltigkeit des Projekts. Eine Schülerin bat um Hilfe bei der Realisierung eines eigenen Projekts, da sie durch die Wanderausstellung an ihrer Schule inspiriert und motiviert wurde.

 

Seit 2005 läuft das Projekt Young European Professionals der bpb, wobei mittlerweile die siebte Generation der sogenannten Yeps ausgebildet wurde. Unter Yeps versteht man ein Zusammenschluss von Jugendlichen, die zu Multiplikatoren ausgebildet werden und Workshops in Schulen, Jugendgruppen oder Universitäten zu Themen rund um Europa und die Europäische Union durchführen. Neben der inhaltlichen Vermittlung spielt während des Ausbildungsworkshops der Erwerb methodischer Kompetenzen eine wesentliche Rolle. Dabei sind die Erfahrungen der Yeps ausschlaggebend, da sie am besten beurteilen können, ob der Einsatz des „Gurkenspiels“ noch immer sinnvoll ist oder nicht. Nach sieben Jahren Projekterfahrung sieht Svetlana Alenitskaya zwei wesentliche Herausforderungen. Die stärkenorientierte Haltung der Projektleiter stellt eine Gelingensbedingung für Peer Education dar. Es muss eine Balance gefunden werden, sich im Projekt zurückzunehmen und gleichzeitig die Koordination und Projektentwicklung im Blick zu haben. Des Weiteren stellt die Erreichung der Jugendlichen aus allen Bildungsbereichen ein vordergründiges Ziel dar. Noch immer kommen die Yeps überwiegend aus dem bildungsaffinen Bereich. Mithilfe des Schneeballprinzips und der Anpassung der Ausbildungsinhalte sollen sich zukünftig auch Schülerinnen und Schüler der Mittel- oder Förderschule angesprochen fühlen und Mut fassen, ihr Wissen an andere Jugendliche weiter zu geben.

 

Projektlinks

European Peer Training Organisation

Fair Skills

juuuport

juuupoint

Methodenquartett

Peer Guides, Anne Frank Zentrum

Peer-Leader International

Peer Leadership Training Sachsen

Peer Teaching – Schule im Aufbruch

Young European Professionals

 

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