Digitale Didaktik in den Niederlanden – zwei Schulen erzählen

Tabletschulen: in Deutschland eher die Ausnahme – in den Niederlanden schon Alltag? Rund ein Fünftel der Grundschulen arbeiten in den Niederlanden bereits digital. Werkstatt.bpb hat bei zwei Grundschulen bezüglich deren Erfahrungen mit digitalen Medien im Unterricht nachgehakt. Wir sprachen mit Djoke Mulder, Direktorin der Christlichen Grundschule De Grunslach in Wjelsryp, sowie mit Jaap Pasmans, Direktor der 2014 neugegründeten “iPad”-Grundschule De Ontplooiing in Amsterdam. In den Niederlanden startet die Grundschule (1.-8. Klasse) zwei Jahre früher als in Deutschland, das heißt im Alter von 4 bis 5 Jahren.

 

 

In Deutschland wütet eine heftige Diskussion über die Frage, ob Lernen und Lehren mit digitalen Medien und Technologien eine eigene, neue Didaktik braucht. Wird diese Frage in den Niederlanden auch diskutiert?

 

Mulder: Ja, diese Diskussion wird auch in den Niederlanden geführt. Ob sie genau so heftig ist, weiß ich nicht. Seit längerem spielen Themen wie Flipped Classroom, BYOD (Bring Your Own Device), 21st Century Skills, adaptiver digitaler Unterricht, Unterricht aus der Ferne (Anytime, Anywhere Learning) etc. eine Rolle. Seit einigen Jahren gibt es “iPad”-Schulen in den Niederlanden. Des Weiteren werden Tablets, Laptops und Computer jeglicher Art im Unterricht eingesetzt. Die Didaktik in der Schule ändert sich dadurch langsam. Das Begleiten von Lernenden wird wichtiger, aber die Erläuterungen durch die Lehrkraft behält immer ihren Stellenwert. Es ist aber so, dass die Kinder auf mehr und unterschiedlichere Arten Zugang zu Informationen bekommen; nicht nur von Seiten der Lehrenden, sondern auch via Filmclips.
Weil wir mit Informations- und Kommunikationstechnik arbeiten, wird das Lernangebot für Lernende persönlicher. Neu ist deswegen die Aufgabe für Lehrende, die Schüler_innen beim Erreichen der Lernziele zu begleiten, die sie für sich gestellt haben. Die Verantwortung für die zu erreichenden Ziele liegt jetzt zum Teil bei den Lernenden selbst und nicht mehr hauptsächlich in den Händen der Lehrkraft.

 

Pasmans: Unterrichten mit neuen Technologien ist anders, weil es weniger von der klassischen Sender-Empfänger-Situation zwischen Lernenden und Lehrenden ausgeht. Neue Technologie bietet bessere Möglichkeiten, Lernenden personalisierten Unterricht anzubieten und mehr Möglichkeiten der Beteiligung. Sie fördert Autonomie über ihren eigenen Lernprozess. In den Niederlanden sind viele Lehrkräfte dafür in erster Instanz nicht ausgebildet. Sie sind gelernte Didaktiker_innen – Menschen, die Wissen an eine Klasse übertragen sollen. Die Rolle verschiebt sich vom Leitenden zum Begleitenden. Durch diese Rollenverschiebung ist auch die Frage, ob es eine andere Didaktik braucht, relevant. Wir kommen aber nicht immer zu dieser Frage, da sich die Diskussion in den Niederlanden leider noch sehr oft auf die Frage nach dem Mehrwert von neuen Technologien beschränkt.

 

 

Wie werden Tablets und / oder andere Technologien konkret im Unterricht eingesetzt?

 

Mulder: Wir nutzen Tablets für Methodenfächer wie Rechnen und Rechtschreibung. Sie ersetzen die (analogen) Methoden komplett, Arbeitsbücher und -blätter sind nicht mehr notwendig. Auch die Unterstufe (Anmerkung der Redaktion: Altersstufe 4-6 Jahre) arbeitet mit Tablets und verschiedenen Apps. In der Kommunikation mit den Eltern benutzen wir Klasbord. In jedem Klassenraum gibt es ein Interaktives Whiteboard, außerdem befinden sich in jedem Raum und in den Fluren Computer.

 

Pasmans: Die Schule benutzt Tablets als Arbeitstool für Lernende. Die Kinder arbeiten täglich mit dem Tablet; sie verwenden es für das Bearbeiten von Aufgaben (mit Keynote, Word, Prezi, Kamera, etc.), aber auch zum Üben von Lerninhalten (via Apps un anderen Onlineangeboten wie Smartrekenen, Kahnacademy, Rekentuin, Taalzee, Muiswerk). Lehrende behalten die Inhalte, die von den Kindern geübt werden, im Auge und passen diese an. Die Lernenden haben ein Planungstool (Tiktik) auf dem Tablet, mit dem sie ihre Woche und Schulstunden einplanen und benutzen zusätzlich ein Portfolio, um ihre Lernziele zu verfolgen und nachzuweisen. Das Tablet ist also ein digitaler Wochenplaner, Lehrbuch und Entdeckungsecke in einem – super praktisch! Außerdem verwenden die Lehrkräfte Tablets und korrespondierende Speicher- und Abspielmedien um Präsentationen zu zeigen, Filmclips abzuspielen und didaktische Unterstützung im Unterricht zu bekommen.

 


 

“Die Rolle (der Lehrkraft) verschiebt sich vom Leitenden zum Begleitenden.”

– Jaap Pasmans, De Ontplooiing

 


 

 

Warum hat Ihre Schule diesen Schritt, (fast ausschließlich) digital zu arbeiten, gemacht?

 

Mulder: Wir arbeiten nicht ausschließlich digital. Bewusst nicht. Es gibt auch Raum für Handschriftentwicklung und wir haben uns bewusst dafür entschieden, Sachfächer (Anmerkung der Redaktion: Fächer wie Politische Bildung, Geschichte, Religion/Ethik) nicht digital sondern klassisch zu unterrichten, damit die Botschaft und die Übertragung davon ihre wichtige Rolle behalten.

 

Pasmans: Schüler_innen sind sehr gut im Umgang mit digitaler Technologie. Oft sind sie intrinsisch motiviert etwas mit dem Tablet zu tun. Wir meinen, dass eine Schule diese Technologie heutzutage nicht ignorieren kann. Es bietet unbegrenzt viele Möglichkeiten, es ist motivierend, adaptionsfähig, personalisiert, handlich, erleichtert die Arbeit und gibt Lehrenden enorm viele brauchbare Informationen. Das Backoffice einer guten pädagogischen App kann einer Lehrkraft beispielsweise 30 Minuten Korrekturarbeit am Tag ersparen; die Zeit kann wiederum in die Vorbereitung von anderen Unterrichtsstunden investiert werden. Die Effektivität wird so gewaltig gesteigert.

 

 

Welche Kriterien sind ausschlaggebend für die Wahl bestimmter Medien? Auf welchen didaktisch-methodischen Ideen basiert diese Wahl?

 

Mulder: Das Material muss adaptiv sein, einfach zu bedienen; unterstützende Funktionen, wie (Netz-)Verbindung und Verwaltung müssen reibungslos funktionieren. Das Material muss sowohl für Kinder, die mehr können, als auch die, die weniger schnell lernen, geeignet sein. Es sollte dem Lehrpersonal die Arbeit erleichtern. Didaktisch-methodische Idee: adaptiver Unterricht mit dem Ziel bester Ergebnisse.

 

Pasmans: Der Vorteil von neuer Technologie sollte immer ein Vorteil bleiben und darf nie zur enormen Belastung werden. Deswegen ist es für uns wichtig, dass:

  • Medien, Apps oder Programme lehrreich sind;
  • Apps oder Programme direktes Feedback geben;
  • Backoffices von Apps oder Programme handlich sind und Einsicht in Lernleistungen geben;
  • Medien, Apps oder Programme nicht ausschließlich konsumorientiert sind.

 


 

“Kinder können individueller und maßgeschneiderter arbeiten.”

– Djoke Mulder, De Grunslach

 


 

Wie hat sich das Lehren an Ihrer Schule durch den Einsatz von digitalen Tools und Medien geändert? Welche Änderungen spielen jetzt eine wichtige Rolle oder werden es in Zukunft tun?

 

Mulder: Kinder können individueller und maßgeschneiderter arbeiten. Wenn die Aufgaben erledigt sind, können sie auf ihrem individuellem Niveau weitermachen. Bei Erläuterungen spielen Filmclips eine wichtigere Rolle. Die Lehrerin oder der Lehrer hat während des Unterrichts mehr Einblick darin, wer nicht weiterkommt und wer nichts macht. Sie oder er kann sofort helfen oder anspornen. Das Kind bekommt direkt Feedback auf die Lerninhalte. Vorher musste es so lange warten, bis die Lehrkraft die Arbeit korrigiert hatte.
Die Rolle der Lehrperson bleibt nach wie vor essentiell, was das Unterrichten und Begleiten von Schülerinnen und Schülern angeht. Die Lehrkraft arbeitet aber mehr “maßgeschneidert” als zuvor. In Zukunft wird die Kombination von maßgeschneiderter Bildung mit klassischen Unterrichtsmethoden weiter ausgebaut, vielleicht irgendwann sogar jahrgangsübergreifend.

 

Pasmans: Wir haben uns dieses Schuljahr als “Steve-Jobs-Schule” neu gegründet und immer digital gearbeitet. In Zukunft wird die Möglichkeit, Daten von verschiedenen Apps miteinander in einem Dashboard zu verbinden, in zunehmendem Maße wichtig, damit Lehrkräfte schnell und übersichtlich die (Lern-)Daten von Schüler_innen einsehen können. Auch eine direkte Verknüpfung von Daten mit Lernfortschritt und Lerninhalt wäre gut möglich; dadurch könnte die Leistung eines Kindes auf dem Tablet direkt Einfluss auf das Zeugnis oder Portfolio nehmen. Zum Beispiel: Eine Lehrende übt das Einmaleins mit Tafelmonster (App), die Ergebnisse dieser Übung sorgen dafür, dass im Zeugnis die Aufgabe “Einmaleins-Lernen” bestanden ist.

 

 

Wie messen Sie den Erfolg dieser Unterrichtsform?

 

Mulder: Mit dem gleichen Systemen wie früher auch: CITO (ein zertifiziertes Schüler-Monitoring-System, zweimal im Jahr) und “Methodetoetsen”*

 

Pasmans: Wir messen Erfolg anhand der Daten, die wir für relevant erachten. Wir messen:

  • CITO, zweimal im Jahr (standardisierte Tests für alle Schulen in den Niederlanden);
  • den täglichen Fortschritt in den Bereichen Rechnen und Sprache via Rekentuin und Taalzee (webbasierte Programme, entwickelt von der Universität von Amsterdam);
  • die sechswöchigen Lernziele (aufgestellt mit Eltern, Kind und Lehrkraft);
  • die Daten von Apps wie Muiswerk, Smartrekenen etc.;
  • die Einschätzung der Lehrkraft.

 

 

Wie reagieren Lernende, Eltern und Lehrkräfte auf den Einsatz von Tablets im Unterricht?

 

Mulder: Vorwiegend positiv. Man gewöhnt sich auch an die Tablets, mittlerweile ist es also schon normal. Wir greifen bewusst nicht immer zum Tablet, da wir eine gute Handschriftentwicklung und das Arbeiten auf Papier auch wichtig finden. Die Lehrkräfte sind positiv eingestellt, weil sie Kinder sehr genau in ihrer Entwicklung folgen können und keine Korrekturarbeit mehr haben. Auch können sie die Lernenden jetzt, ohne großen Mehraufwand, auf eigenem Niveau arbeiten lassen. Im Moment haben Eltern noch keine direkte Einsicht in die benutzten Programme, aber können Ausdrucke der Ergebnisse bekommen.

 

Pasmans: Die Schüler_innen finden es motivierend. Sie bekommen viel Feedback und haben Einblick in ihre eigene Lernumgebung und Lernziele. Eltern haben Einfluss, sie können zusammen mit den Kinder die Wochenplanung machen. Außerdem haben sie Einsicht in das, was ihr Kind in der Schule macht und wie gut es vorankommt. Lehrkräfte finden es überwiegend angenehm, weil es ihnen Zeit und Mühe spart. Manchmal ist es aber noch frustrierend, weil das Wissen und die Fertigkeiten von Lehrenden etwas hinterherhinken.

 

 


 

* Anmerkung der Redaktion: CITO steht für Central Instituut voor Toetsontwikkeling (Zentrales Institut für Testentwicklung) und ist der offizielle Entwickler für standardisierte Tests, die an jeder niederländischen Schule für das Verfolgen der Lernentwicklung eines Kindes eingesetzt werden. Im Grundschulbereich werden Tests für alle Klassenstufen entwickelt. Getestet wird schon ab einem Alter von 4 Jahren. “Methodetoetsen” sind lehrbuchgebundene Aufgaben zur Überprüfung von Teilwissen.

 

 

Foto: flickr.com/Lexie Flickinger, 2012, CC BY 2.0. Adaptiert von Werkstatt.
Das Bild ist ein Beispielsfoto und bildet keine der im Interview genannten Schulen ab!