Eindrücke vom #LernLabKAS14

Digitales Lernen in der Schule: der Praxistest. Lehrer_innen gestalten und erleben Unterricht mit sozialen Netzwerken, Wikis und Blogs. Werkstatt.bpb-Korrespondentin Regina Schulz war Ende Oktober beim #LernLabKAS14 an der Kaiserin Augusta Schule in Köln. Sie schildert ihre Eindrücke und leitet daraus mögliche Voraussetzungen für das Arbeiten mit digitalen Medien im Schulalltag ab. 

 

“Heute dürft ihr eure Smartphones benutzen,” kündigt Bob Blume der 6d an und fragt: “Wer von euch kennt denn schon Twitter?” Bob Blume unterrichtet normalerweise Englisch, Deutsch und Geschichte an der Johannes-Gaiser-Realschule in Baiersbronn.

 

Er ist einer von zehn Referent_innen des Lern-Labors #LernLabKAS14, die einen Tag Teile des Unterrichts an der Kaiserin Augusta Schule (KAS) übernehmen. Im Mittelpunkt steht die Nutzung digitaler Medien. Das #LernLabKAS14 findet im Rahmen der Internetwoche der Stadt Köln statt. Für das #LernLabKAS14 reisen rund hundert Bildungspraktiker_innnen und -theoretiker_innen aus dem gesamten Bundesgebiet an, um vormittags zu unterrichten, bei Kolleg_innen zu hospitieren, oder am Nachmittag an einer Auswahl von rund zwanzig Workshops “teilzugeben”. Das Konzept Lern-Labor soll best practice-Beispiele digitaler Bildung direkt in den Schulalltag tragen, Lehrende vernetzen und Impulse für den Schulunterricht bieten. André Spang ist Hauptorganisator des #LernLabKAS14 und papierloser iPad-Lehrer an der KAS, in der seit vier Jahren mit iPads gearbeitet wird. Die Schüler_innen erstellen hier eBooks, Blogs, Wikis und produzieren eigene Podcasts.

 

Bob Blume lässt im Deutschunterricht in der 6d Assoziationen der vier Jahreszeiten anhand der Schlagwortsuche auf Twitter erarbeiten und motiviert die Schüler_innen, eigene Tweets zu formulieren. Dazu nutzt er ein anonymisiertes Twitter-Profil; die Tweets sollen per Beamer an die Wand projiziert werden. Doch der Beamer funktioniert anfangs nicht; Bob Blume überbrückt die Zeit sinnvoll, erklärt den Schüler_innen den Gebrauch von Twitter. Die Schüler_innen der 6d nutzen ihre eigenen Smartphones – BYOD, bring your own device – und das schuleigene stabile WLAN-Netz für die Recherche.

 

Funktionierende digitale Infrastruktur:

 

Digitale Medien müssen in der Lernumgebung bereitstehen – ob von der Schule gestellt, oder mit BYOD. An der KAS sind beispielsweise rund sechzig iPads vorhanden und mit Lern-Apps sowie einem anonymisierten Twitter-Account ausgestattet. Die Wartung der mobilen Kulturgeräte und der digitalen Infrastruktur sollte professionell organisiert werden. Denn beide müssen verlässlich funktionieren, damit Lehrer_innen sich auf die konkrete didaktische Gestaltung des digitalen Lernens konzentrieren können.

 

Michael Kowalski (Heinrich-Heine-Gymnasium, Köln) nutzt die schuleigenen iPads in seinem Mathematikunterricht in der 5. Klasse. Fachlich führt er Flächen und Körper ein, pädagogisch formuliert er klare Regeln im Umgang mit den Tablets: bei der Präsentation von Ergebnissen werden die Tablets umgedreht, auch in der Pause bleiben sie aus. Weitere Regeln für die Nutzung des Internets sind: Freiwilligkeit, keine Verwendung von Klarnamen und keine Angabe persönlicher Daten (formuliert von Corinna Lammert). Die Schüler_innen sollen Flächen und Körper in der Schule suchen und diese mit den iPads fotografieren, dann mit der App explaineverything zu einer Präsentation zusammenfügen. Hoch konzentriert sitzen die Schüler_innen im Unterricht vor ihren iPads und produzieren fachliche Inhalte, auf die sie – im Sinne des Spiralcurriculums – zurückgreifen und diese individuell ergänzen können.

 

Pädagogische Konzepte:

 

Digitale Medien bieten Lehrenden die Möglichkeit, mobiles lebenslanges Lernen der Schüler_innen zu begleiten und kompetenzorientierte Ansätze medial zu unterstützen. Doch um dem Anspruch digitaler Bildung auf individuelle Förderung gerecht zu werden, braucht es Regeln und pädagogische, didaktische Konzepte. Diese müssen diskutiert, erprobt und ggf. verändert werden. Der Mehrwert digitaler Medien sollte allen Lehrenden durch Austausch über best practice-Beispiele und Fortbildungen erfahrbar gemacht werden. Schon in der Lehrer_innenausbildung müssten digitale Medien thematisiert, diskutiert und ausprobiert werden, damit sinnvolle, nachhaltige Konzepte entstehen können – in einzelnen Fachschaften, fächerübergreifend, schulintern und evtl. schulübergreifend.

 

Im Religionsunterricht zum Menschenbild im Alten Testament mit Torsten Larbig (Schillerschule, Frankfurt am Main) in der zehnten Klasse ist die Aufgabenstellung offen. Nachdem die Schüler_innen sich selbst und andere gegooglet, die Außenperspektive reflektiert und diese mit Textstellen der Bibel verglichen haben, entwickeln sie weiterführende Leitfragen selbst. Sie können hierfür ihre Smartphones und Tablets nutzen. “Ich bin gespannt auf die Ergebnisse,” meint Torsten Larbig. Der Unterrichtsgegenstand ist nicht vordidaktisiert, sondern offen. Die Filterung von Informationen und Optionen, die Überprüfung des Wahrheitsgehalts von Quellen und die Produktion eigener Inhalte stehen auch hier im Vordergrund. Die Smartphones werden zu Rechercheinstrumenten, Digitalkameras und Diktiergeräten. Die Ergebnisse dieser Stunde sind u.a. aufgezeichnete Interviews zu “Was ist der Mensch?”, die Facebook-Gruppe “Bist Du mehr als nur ein Facebook-Profil?” und Fotoaufnahmen mit Smartphones, die Teile des Bibeltextes verbindlichen. Die Evaluation seiner Stunde gestaltet Torsten Larbig auch offen – auf Twitter.

 

Offenheit:

 

Der Einbezug digitaler Medien in den Unterricht ist mit einer Abgabe von Verantwortung an die Schüler_innen verbunden. Er setzt Offenheit voraus; eine Offenheit des Unterrichts und der Lehrer_innen. Es müssen Freiräume für Lehrer_innen geschaffen werden, die die Möglichkeit bieten, Klassen zu tauschen und dazu einladen, sich die Welt per WLAN ins Klassenzimmer zu holen. Nur so können Kooperation und Austausch in Kollegien etabliert werden, um die Veränderung von Schule nachhaltig zu gestalten. Bei dem Umgang mit digitalen Medien im Unterricht geht es nicht um eine bloße Implementierung, sondern vorrangig um das Schaffen kommunikativer Begegnungen – meint auch Helmut Cremer, Schulleiter der KAS. Es geht darum, Lehrer_innen und Schüler_innen weitere Optionen aufzuzeigen und diese abzuwägen, um Medien funktional, komplementär nutzen zu können. 

 

Die Klasse 6d mit Bob Blume twittert inzwischen eigene Lyrik auf 140 Zeichen. Insgesamt werden die Tweets der Schüler_innen 14 Mal geretweetet und 29 Mal von anderen Twitter-Nutzer_innen favorisiert. Mit dem Lern-Labor öffnet sich die Kaiserin Augusta Schule weiter; welche Schulen noch?

 

Im November 2013 fand bereits das LernLabBerlin in der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule statt. Auch dort war die Werkstatt vor Ort und hat in dem Artikel Lernen 2.0 ganz praktisch darüber berichtet.

 

Foto: flickr.com/DeeAshley, Lizenz: CC BY 2.0