Zu Creative Commons-Lizenzen und der Methode des interaktiven Vorlesens

 

Am 2. September lud pb21.de zu einer besonderen Lesung ein – der CC-Lizenztextlesung. Marc Schakinnis berichtet über die Veranstaltung und die Methode des interaktiven Vorlesens. Denn nicht nur Kindern kann das etwas bringen. 

 

Auch wenn sich das Lesen eines juristischen Fachtextes zunächst langweilig anhört, war die Lizentextlesung aus zweierlei Gründen eine spannende Veranstaltung: Zum einen gehören die Creative Commons (CC)-Lizenzen in Deutschland inzwischen zum Standard, wenn Bildungsmaterialien frei und offen lizenziert werden sollen, zum anderen war die hier verwendete Methode des interaktiven Vorlesens höchst interessant.

 

pb21.de, Schwesterprojekt von werkstatt.bpb, führte die Lizenztextlesung des Creative Commons-Legal Code in der Version 3.0 durch. Veranstaltungspartner waren Creative Commons Deutschland und Wikimedia Deutschland e.V. unterstütze die Lesung innerhalb des Themenbereiches „Open Educational Ressources (OER)“. Auf pb21.de steht die Aufzeichnung des Livestreams zur Verfügung. Kommentare und Fragen konnten vor Ort persönlich oder vom heimischen Computer über einen Text-Chat und Twitter eingebracht werden – der Hashtag: #lizenztextlesung.

 

 

Abwandlung, Verblassen, öffentliches Zeigen: Juristensprech verständlich erklärt

 

Die zwei Juristen Dr. Till Kreutzer und John H. Weitzmann sowie die Medienpädagogin Kristin Narr, die auch für die Verbindung zur Netzwelt sorgte, unterstützten den bestens gelaunten Vorleser Jöran Muuß-Merholz, um Fragen rund um den Originallizenztext zu klären. Dieser erscheint nämlich nur auf den ersten Blick simpel. Das anwesende Publikum hatte den ausgedruckten Lizenztext vorliegen und die Netzgemeinde konnte im Googledoc direkt Stoppmarken mit Fragen zum Text setzen. Während der Lesung wurde zum Beispiel deutlich, dass man mit CC-Lizenzen keine Urheberrechte und keine anderen Gesetze (Leistungsschutzrecht, Patentrechte, Markenschutzrechte etc.) erwirken kann – das heißt Werke die gemeinfrei sind, können durch CC-Lizenzen nicht eingeschränkt werden. Weitere Begriffe wurden anschaulich erklärt: So erfuhr das Publikum, dass eine “Abwandlung” eine schöpferische Leistung des_der Bearbeiter_in erfordert. Eine Vervielfältigung auf einem anderen Medium ist daher noch keine Abwandlung eines Werkes. “Verblassen” meint, dass der schöpferische Wert des_der Originalautor_in in der Bearbeitung kaum noch erkennbar ist.

 

Ebenfalls erläutert wurde, dass der Tatvorgang, Dokumente ins Internet zu stellen, als “Öffentliches Zeigen” im juristischen Sinne bezeichnet wird und nicht als “Verbreiten”. Sehr wichtig waren ebenfalls die Erklärungen, inwieweit ein_e Urheber_in bei CC-Lizenzen die Verwendung seiner_ihrer Werke für politische Zwecke, mit denen er_sie nicht einverstanden ist, hinnehmen muss. Es bleibt letztendlich nur die Möglichkeit, die Namensnennung Im Rahmen des Persönlichkeitsrechts zu untersagen. Die Nutzung des Werkes steht aber allen Anwender_innen zur Verfügung, die sich an die Bedingungen der jeweiligen CC-Lizenz halten.

 

Da insgesamt sehr viele Fragen auftauchten, wurde an diesem Abend nicht der ganze Lizenztext vorgelesen. Jöran Muuß-Merholz kündigte daher eine Fortsetzungsveranstaltung an, die hoffentlich mit dem gleichen, sehr kompetenten Team besetzt ist.

 

 

 

 

 

Methode des interaktiven Vorlesens: Bis das letzte Wort verstanden ist …

 

Vorlesen kann Spaß machen. Projektarbeit und Gruppenarbeit oder auch kooperatives und kollaboratives Lernen stehen Pate für moderne Lernarrangements. Beim Vorlesen aber denkt man entweder an kleinere Kinder oder gar langweilige Vorlesungen in überfüllten Hörsälen großer Universitäten. Einer liest vor, alle anderen hören zu, sofern sie noch nicht eingeschlafen oder schon in ihre eigene Gedankenwelt abgedriftet sind.

 

Es geht auch anders: Interaktives Vorlesen ist nicht nur für Kinder spannend, sondern eignet sich ebenfalls für ältere Schüler_innen und Erwachsene als Variante, um gemeinsam schwierige Texte umfassend zu verstehen. Auch Esther Dopheide von der Stiftung Lesen gibt den Tipp: „Unterbrechen beim Vorlesen erhöht die Aufmerksamkeit.“

 

Wie funktioniert nun diese Art interaktiven Vorlesens? Wichtig dabei ist vor allem, dass der_die Vorleser_in jederzeit unterbrochen werden kann. Am besten macht diese_r nach jedem Satz eine deutliche Pause, um Einwände abzuwarten und aufzugreifen. Wer also eine Verständnisfrage zum Text hat, ruft z.B. “Stopp” und die Frage sowie die dabei entstandenen Ergänzungen werden diskutiert. Sind alle Fragen geklärt, geht es weiter im Text. Dabei sind viele Varianten einsetzbar – je nach Art und Schwierigkeit des Textes und je nach Art des Zieles.

 

Ziel kann zunächst einmal das reine Verstehen des Textes sein, wie an dem obigen Beispiel des CC-Lizenztextes gezeigt. Ein anderes denkbares Ziel wäre, gemeinsam ein Glossar zu erstellen, das später als Prüfungsvorbereitung (für Klausuren oder Klassenarbeiten) genutzt werden kann. Eine andere Möglichkeit ist, Hintergrundinformationen zu Texten zu erstellen, also den Text zu erweitern, um ihn mit zusätzlichen Informationen besser einordnen zu können (z.B. geschichtliche, politische oder geographische Zusatzinformationen, ein aktueller Bezug zu Zeitungsartikeln oder Internetmeldungen).

 

Beim gemeinsamen Vorlesen eines Textes kann schnell eine Dynamik entstehen, in der man durch Fragen anderer auf eigene Verständnisprobleme aufmerksam wird. Dabei ist es wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, die alle Teilnehmer_innen ermutigt, ihre Fragen ohne Hemmungen zu stellen. So kann eine lebhafte Diskussion entstehen und durch das Verstehen wird ein positives Lernerlebnis geschaffen. Bei schwierigen Texten und kompetenten Expert_innen zur Beantwortung der Fragen zeigt sich – auch am Beispiel der CC-Lizenztextlesung von pb21.de – dass das Zeitmanagement dabei eine große Herausforderung darstellt. Trotzdem lohnt es sich, keine Fragen der Teilnehmer_innen ungeklärt zu lassen. Wenn der Text nicht ganz bis zum Ende durchgegangen wird, so hilft in vielen Fällen schon die Art und Weise der gemeinsamen Fragenklärung, um den restlichen Text alleine bearbeiten und verstehen zu können. Alternativ plant man, wie bei der CC-Lizenztextlesung, weitere Vorleserunden ein, bis der Text komplett gelesen und verstanden ist.

 

 

Foto: flickr.com/brewbooks, Lizenz: CC BY-SA 2.0