– Von wegen

 

Während in den Bundesländern NRW und Hamburg der Schulbetrieb nach den Sommerferien schon wieder aufgenommen wurde, blickt die Werkstatt heute auf die Berichterstattung der letzten Tage und Wochen zurück. Was war in Sachen Bildung Diskussionsthema während der Ferien? 

 

 

Digitale Agenda

 

Mit Spannung erwarteten internetaffine Menschen die Ankündigung der sogenannten „Digitalen Agenda“ der schwarz-roten Bundesregierung. Nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages, der ein Konzept zur digitalen Entwicklung und – damit verbunden – dem Netzausbau ankündigte, war die Erwartungshaltung groß. Entsprechende Artikel zeichnen die schleichende Enttäuschung nach: von anfänglichem Optimismus (Gründerszene), über Ernüchterung bei ersten Entwürfen (Tagesspiegel) bis hin zu: „38 Seiten Angst vor festen Zusagen“ (Zeit Online).

 

Die Pressekonferenz, auf der die Minister Sigmar Gabriel (SPD), Thomas de Maizière (CDU) und Alexander Dobrindt (CSU) das vom Bundestag verabschiedete Papier am Mittwoch vorstellten, wurde in den sozialen Netzwerken kritisch verfolgt. Die Netzplattform Netzpolitik fragt sich beispielsweise: „Wo sind all die Versprechen hin?“

 

Unter dem Punkt „Digitale Lebenswelten gestalten – Chancen für Familien und Gleichstellung stärken“ versteckt sich der Paragraph: „Wir bauen digitale Angebote auf, mit denen die digitalen Möglichkeiten zur politischen Bildung und Steigerung des Interesses an Politik und gesellschaftlichem Engagement stärker genutzt werden können.“

Die Begriffe „Schule“ und „Hochschule“ fallen je zweimal, während „Unterricht“, „Lehrer“ und „Lehrerinnen“ gar nicht thematisiert werden. Dementsprechend finden seltene Beiträge, die sich mit dem Bildungsaspekt der „Digitalen Agenda“ beschäftigen: „Der Koalitionsvertrag war besser“.

 

Das frisch gegründete Bündnis Freie Bildung hat am gestrigen Tag eine “Stellungnahme zur ‘Digitalen Agenda‘” veröffentlicht. Grundsätzlich begrüße das Bündnis die geäußerten Ziele der Bundesregierung. Danach folgt ein dickes Aber: “Leider stellen wir fest, dass die Agenda bisher den Themenbereich der freien und offenen (digitalen) Lehr- und Lernmaterialien gänzlich auslässt.” Das Bündnis bedauere sehr, dass – anders als im Koalitionsvertrag – das Thema Schulbücher sowie andere Lehr- und Lernmaterialen unter freien Lizenzen und Formaten (sog. Open Educational Resources: OER) in der “Digitalen Agenda” keine Berücksichtigung mehr finde. Weiterhin wird in der Stellungnahme aufgefordert, sich diesem Thema anzunehmen. Denn: “OER bedeuten Zugang zu Wissen und Beteiligung durch alle und führen damit zu mehr Chancengerechtigkeit. OER ist ein Mittel zu effizienterer und demokratischerer Bildung.”

 

 

Bildungsmonitor 2014

 

Im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft untersucht das Institut der deutschen Wirtschaft Köln regelmäßig die Leistungen von Schüler_innen im direkten Ländervergleich. Die Ergebnisse: Sachsen und Thüringen sind die Spitzenreiter, Bayern und Baden-Württemberg glänzen durch ausgeprägte berufliche Bildung. Die letzten Plätze belegen die Bundesländer Berlin und Nordrhein-Westfalen. 

 

Der Länderaufteilung entsprechend, greifen vor allem regionale Medien und Interessengruppen die Ergebnisse ihres Bundeslandes auf. (Bayerischer Rundfunk: „Bayern schafft den dritten Platz“; Schweriner Volkszeitung: „Fortschritte in MV“; DerWesten.de: „Bei der Bildung fällt NRW auf vorletzten Platz“)

 

Rosemarie Hein kritisierte im Gespräch mit dem Deutschlandfunk die Kriterien der Erhebung: „Sachsen wird zum Beispiel die beste Förderinfrastruktur bescheinigt. Aber Sachsen hat Platz 14 in dem gleichen Monitor bei der Schulabbrecherquote, die immerhin auch in Sachsen bei fast neun Prozent liegt, und das bei einem sehr geringen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.“

Ein Kommentar des Deutschlandfunk zu vermeintlich großen Sprüngen fällt ebenfalls bissig aus: „Bildungspolitiker können sich (…) vielleicht freuen, arbeitslose Jugendliche in der Warteschleife oder Alleinerziehende mit mieser Kita-Betreuung garantiert nicht.“

 

 

Bildungsstand und Bildungsstandard

 

Der Wirtschaftsteil der FAZ Online thematisiert die Langzeitfolgen der sogenannten Bildungsexpansion in den 1970er Jahren: „Wie mit dem Geld, so ist es mit Zeugnissen und Zertifikaten: Je mehr im Umlauf sind, desto geringer ist ihr Wert“, so das Urteil des Autors. Deshalb überhole sich der hohe Bildungsstandard langsam selbst: Herkunft, Sozialisation und Schönheit würden wieder zu Auswahlkriterien, wenn alle einen Einser-Abschluss hätten.

 

 

Migration und Diskriminierung

 

„Von verschenkten Noten und Versagen“, so titelt diepresse.com über ein Buch von Heidi Schrodt, das Missstände in der Schule offenlegen möchte. Ihre Thesen: Es sei nicht rechtzeitig auf den demographischen Wandel reagiert worden. Zudem sei es unter Lehrenden mittlerweile verpönt, schlechtere Noten als „ausreichend“ zu vergeben, so die Autorin. Ein besonderer Fokus auf Lernende mit Migrationshintergrund sei ein Alleinstellungsmerkmal des Buches. Das führe gleichzeitig zu dem Problem, dass gemeinsame Herausforderungen von diesen und deutschen Schüler_innen vernachlässigt und pauschal ausgeschlossen würden, so presse.com. Das Buch ist ab dem 1. September erhältlich.

 

Der derzeit diskutierten Judenfeindlichkeit mancher Anhänger_innen des Islams begegnet die Initiative „Dialog macht Schule“ offen und effektiv. In einem Interview mit MiGAZIN äußern sich die Geschäftsführer des Sozialunternehmens, Hassan Asfour und Siamak Ahmadi, zur aktuellen Debatte um muslimische Jugendliche und antisemitische Parolen bei Demonstrationen gegen das israelische Vorgehen in Gaza. Mangelnde Reflexionsfähigkeit bei Themen, die die eigene Familiengeschichte beeinflusst hätten, wie etwa Krisen, Krieg und Flucht, führten deshalb leicht zu Missverständnissen und Vorurteilen. Ein offenerer Umgang solle dem Abhilfe schaffen. „Wir beobachten, dass viele Schüler es als belastend empfinden, dass ihre Themen häufig nicht angesprochen werden.“ Allgemein sei die deutsche Schule viel zu reaktionär und langsam, was Heterogenität im Klassenzimmer betrifft: „Das Bildungssystem hat bislang einfach noch nicht umgeschaltet von dem deutschen Durchschnittsschüler zu einer multikulturellen Schülerschaft“, so Ahmadi.

 

 

Foto: flickr.com / Axel Schwenke / Erdfunkstelle Usingen 2005 / CC BY-SA 2.0