Probleme und Erkenntnisse bei der Entwicklung des multimedialen eBooks „OER für Alle!“ von werkstatt.bpb.de

 

Der Zugang und der Umgang mit Informationen, Wissen und Bildungsmaterialien gestalten sich neu. Eine Konsequenz ist die eigene Herstellung und die Forderung nach Anerkennung und Förderung von Open Educational Resources (OER). Ein Ergebnis der Auseinandersetzung von werkstatt.bpb.de mit dem Thema OER ist das eBook OER für alle!“ sowie die aus diesem Prozess gewonnenen Erkenntnisse.

 

OER für alle!“ fasst bereits erschienene Artikel von werkstatt.bpb.de und pb21.de zusammen. Es bietet Grundlagen, Definitionen und Positionen zum Thema freie Bildungsressourcen – von Akteur_innen in Deutschland wie international. Das eBook wurde zur Eröffnung der OER-Konferenz im September 2013 veröffentlicht. Im folgenden Beitrag erläutert unsere Expertin für digitales Publizieren und eBooks, Constanze Behr, die Lessons Learned des Entstehungs- und Produktionsprozesses aber auch den Aspekt, dass ein fertiges eBook noch lange nicht „für alle“ verfügbar ist.

 

Dieses eBook ist sozusagen die Version 1.0. Wir freuen uns über die Versionen 2.0 und 3.0, über schlichte Arbeitsblätter oder Fotokopien, die mit Hilfe des eBooks entstehen und einen Beitrag zum OER-Diskurs leisten. 

Dieses eBook hatte als Ziel nicht nur das Produkt, sondern auch den Prozess und die damit gemachten Erfahrungen. Im Sinne der Werkstatt wollen wir hier alle Fehler, Probleme, Herausforderungen, Stolpersteine transparent aufzeichnen und bereitstellen. Dass ein eBook viele Vorteile hat und eine Ergänzung im Medienspektrum darstellt, nehmen wir dabei als Voraussetzung  an. Es ist ein multimediales Buch, ein leistungsfähiges Instrument zur raschen Verbreitung von Inhalten. Ein eBook hat aufgrund der begrenzten Offenheit und der noch nicht nutzerfreundlichen Bearbeitungsmöglichkeit seiner Technologie (EPUB3, pdf-Nutzung) Grenzen in Sachen Offenheit und Nutzung.

 

Wir haben im Folgenden versucht die Erfahrungen etwas zu strukturieren, in Entwicklung, Format, Software, Reader und Distribution. Sicherlich kommt noch die ein oder andere Erkenntnis hinzu, sicherlich werden uns die Nutzerinnen und Nutzer weiteres Feedback geben. 

 

 

Planung eines eBooks

 

Ein reines Text-eBook lässt sich relativ einfach selbst herstellen, im Internet gibt es etliche Tools. Mit Programmen wie Calibre oder InDesign lassen sich ePubs erstellen, ebenso mit Konvertern wie zum Beispiel von pressbooks.com. Wir haben im Textverarbeitungsprogramm ‚pages’ eine Vorversion erstellt. Wir haben Texte eingefügt bzw. geschrieben, Bilder, Filme und Grafiken hinzugefügt und dann über das Menü eine epub-Datei erstellt. Für erste Ergebnisse ist das ausreichend, aber, um einen reibungslosen Ablauf und eine Darstellung auf möglichst vielen der verfügbaren Readern zu garantieren, waren noch Nacharbeitungen notwendig. Insbesondere sind für ein ePub 3 mit multimedialen Inhalten bislang weiterhin Programmierkenntnisse von Vorteil. Für die Umsetzung im Rahmen von werkstatt.bpb.de haben wir uns deshalb entschieden, das eBook nicht selbst zu erstellen, sondern einem professionellen Anbieter bzw. Programmierer_in die Anpassungen zu überlassen.

 

Der Ablauf einer eBook Produktion (ePub3) kann zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

  • Zusammenstellung der Inhalte und Formatwahl
  • Lieferung der Inhalte an den Hersteller (im gewünschten Format, z.B. InDesign)
  • Kostenkalkulation und gegebenenfalls Diskussion von Besonderheiten
  • Konvertierung der Inhalte
  • Prüfung durch den Self-Publisher/Verlag
  • Ggf. Korrekturschleifen
  • Lieferung des fertigen ePubs
  • Distribution
  • Freischaltung durch die Shops

 

 

Formatauswahl

 

Für ein multimediales eBook stehen derzeit unterschiedliche Dateiformate sowie Apps zur Verfügung: 

 

ePUB:

ePub ist ein Format, das vom International Digital Publishing Forum, einem Zusammenschluss führender Verlagsunternehmen in den USA erarbeitet wurde. Es basiert auf HTML und stellt ein offenes Format dar. Mit der Einführung der ePub Version 3 ist das Format auf dem neusten Web-Standard HTML 5 und kann außer Text unter anderem Video, Audio und Animationen einbinden. So können sogenannte Enhanced eBooks, also multimediale eBooks, erstellt werden.

 

AMAZON MOBI/KF8:

Das derzeit noch übliche Amazon-Format heißt Mobi 7, welches für die reine Textproduktion optimiert ist. Im Herbst 2012 stellte Amazon das neue Kindle Format 8 (KF8) vor, das wie ePub 3 auf den neusten Web-Standards basiert und das die Einbindung von Audio- und Videomaterial ermöglicht. Wer eBooks auf Amazon einstellen möchte, muss die von Amazon vorgegebenen Formate Mobi oder KF8 verwenden. 

 

iBOOKS AUTHOR:

 iBooks Autor ist ein im Jahr 2012 eingeführtes Programm und Format von Apple. Mit dem Programm lassen sich sehr leicht Texte, Multimedia und Animationen zu einem eBook zusammenführen. Das Dateiformat .ibook, das man dabei erhält, ist jedoch wie bei Amazon ein proprietäres Format, also ein Format, das in diesem Fall nur auf Apple-Geräten wie dem iPad funktioniert.

 

APPS:

Eine weitere Gestaltungsmöglichkeit von multimedialen eBooks bietet das App-Format. Von Grund auf neu programmierte Apps bezeichnet man als Native Apps. Sie werden jeweils für ein Betriebssystem gebaut und müssen z.B. einzeln für iOS (Apple) und Android erstellt werden. Hier muss generell mit höheren Kosten gerechnet werden.

Eine neue Alternative bieten Web-Apps, die etwas einfacher in der Herstellung sind und es ermöglichen, dass nur eine App für die unterschiedlichen Systeme gebaut werden muss. Web-Apps sind praktisch Webseiten, die mit HTML5 gebaut werden und für mobile Geräte optimiert sind. Hier ist ähnlich wie im ePub 3, jedoch in größerem Umfang, die Einbindung von Audio, Video und Animation möglich. Sascha Lobos Leseplattform Sobooks oder das Organisationstool Trello zeigen die Möglichkeiten von Web-Apps auf. Mit den plattformübergreifenden Web-Apps sind auch für digitale Buchprojekte vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten denkbar.

 

FAZIT zur Formatauswahl:

Im Fall des werkstatt.bpb.de-eBooks war ePub 3 die optimale Wahl. Gegenüber einer App konnten Kosten gespart und relativ viel selbst umgesetzt werden. Mit iBooks Author hätte das gesamte multimediale eBook selbst gebaut werden können. Mit dem Thema OER im Vordergrund sollte aber kein proprietäres Apple-Format unterstützt werden. Eine Verbreitung mit Amazon wäre wegen der Zugänglichkeit der Inhalte wünschenswert, das hauseigene KF8-Format bietet aber im Mulitmediabereich noch einige Einschränkungen. Außerdem dürfen über Amazon im Selbstverlag keine Bücher für Null Euro angeboten werden. Da es sich bei dem E-Book „OER für alle“ um ein kostenloses Angebot handeln sollte, wurde von einer Umwandlung ins KF8-Format abgesehen.   

 

 

Readersoftware

 

Bei der Auswahl der Formate ist nicht nur das Format selbst zu Überdenken, sondern zugleich auch dessen Anwendungsmöglichkeit. ePub 3 bietet zum Beispiel recht weitreichende Gestaltungsmöglichkeiten. Es gibt jedoch nur begrenzte Readersoftware, die die Elemente wie zum Beispiel Audio oder Video auslesen kann. Multimediale Inhalte funktionieren bisher nur auf Tablets und Smartphones, nicht aber auf den weithin gebräuchlichen E-Ink-Readern wie z.B. dem Amazon Kindle oder dem Tolino. 

 

ePUB3:

ePub3 funktioniert bisher am Besten auf dem iPad mit iBooks Author. Hierbei sind die meisten multimedialen Implementierungen erlaubt. Einzelne Reader wie die Gitden-Reader-App aus Korea unterstützen seit Neustem auch auf Android-Geräten ePub 3 mit Multimedia. Dadurch und durch weitere Entwicklungen in diese Richtung kann eine Reichweite über den Apple-Markt hinaus hoffentlich bald gewährleistet werden. 

 

KF8:

Mit Amazons KF8-Format konnte Multimedia bis vor kurzem nur auf der Kindle-App für iOS, also Apple-Geräte, genutzt werden. Seit 2013 besteht auch die Möglichkeit, Multimedia eBooks auf dem Kindle Fire zu lesen.

 

iBOOKS AUTHOR:

Das iBooks-Format funktioniert nur auf Apple-Geräten.

 

 

Inhalte

 

Mit dem Wissen um die möglichen Formate und die Readerfunktionen können die Inhalte dem gewünschten Format entsprechend gestaltet werden. In unserem Fall waren Inhalte in Form von Text, Foto, Video und Audio gewünscht. In Abwägung von den Möglichkeiten der Readersoftware, der Reichweite und der Kosten wurde von Animationen abgesehen.

 

Bei einem viel diskutierten Thema wie dem der freien Bildungsmaterialien kam die Frage nach der Aktualisierung der Inhalte auf: Sind E-Books updatebar? Ein E-Book ist insofern updatebar, dass neue Informationen in das ePub eingebaut werden können. Es muss dann erneut in die Shops hochgeladen werden. Außer bei Apples iBooks gibt es hier nicht die Möglichkeit eines automatischen Updates, wie es von Apps her bekannt ist. Der Leser muss über externe Kanäle darauf aufmerksam gemacht werden, dass er das E-Book erneut in einer aktuellen Version herunterladen kann.

 

Wichtige Elemente, die bei der Erstellung eines eBooks nicht fehlen dürfen, sind unter anderem auch die ISBN und ein Impressum. Jedes eBook-Format benötigt eine eigene ISBN. Mobi- oder ePub-Dateien mit gleichem Inhalt werden als jeweils eigenständiges Produkt angesehen und müssen mit einer eigenen ISBN ausgestattet werden. Eine ISBN erhält man bei der Agentur für Buchmarktstandards in der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH. Für einzelne Titel belaufen sich die Kosten für eine ISBN auf ca. 85 Euro. 

 

 

Konvertierung

 

Die Inhalte sollten, um ein entsprechendes Kostenangebot durch die Dienstleister einzuholen, am besten im gewünschten Anlieferungsformat mit Auszeichnungen (von markierten Überschriften und Texten) bereits vorliegen. Das kann im Rahmen von Word, Pages über PDF bis hin zu InDesign-Dateien geschehen. Bei Gesprächen mit den verschiedenen Dienstleistern war die Verhandlung über die unterschiedlichen Formate (ePub, ibooks) ein Problem. Die Begrifflichkeiten wurden zum Teil nicht eindeutig definiert und verwendet oder es wurden widersprüchliche Informationen über die technischen Umsetzungsmöglichkeiten von unterschiedlichen Anbietern gegeben (z.B. ePub3 Fixed Layout ist Apple-proprietär oder nicht).

 

Gerade bei der Entwicklung eines ersten Enhanced eBooks ist es von Vorteil, wenn von Beginn der Entwicklung an der Inhalte an eine enge Zusammenarbeit mit dem Dienstleister geknüpft ist, um die komplette Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten. Dann sind aber die Kosten kaum abschätzbar. Hier sollte am Besten jemand gefunden werden, mit der_dem längerfristig zusammen gearbeitet werden könnte. Auch sollte man sich einen Pauschalpreis inkl. mehrerer Korrekturstufen geben lassen, denn es entstehen immer wieder Probleme bei der Darstellung und unerwartete Probleme sind einzuplanen.

 

 

Distribution

 

E-Book-Shops gibt es zu viele, um sie selbst alle zu bestücken. Dies übernehmen mittlerweile Distributions-Dienstleister. Diese sorgen dafür, dass das eBook Qualitätsstandards einhält und dass wichtige Informationen, sogenannte Metadaten wie Klappentext, Schlagwörter oder eine Genreeinordnung eingetragen werden. Im Selbstverlag herausgebrachte E-Books können zum Beispiel über epubli.de, Neobooks oder Amazon vertrieben werden. Dabei wird in den meisten Fällen ein bestimmter Prozentsatz des eBook-Preises als Bezahlung genommen. Möchte man das eBook wie im Fall von werkstatt.bpb.de kostenfrei anbieten, eignet sich zum Beispiel der Dienstleister Feiyr.com, der als einer der wenigen einen Festpreis anbietet.

 

Viele der Distributoren sind noch immer auf reine Text-eBooks (mit ein wenig Bildmaterial) spezialisiert, so dass mit einem multimedialen ePub 3 einige Anbieter wegfallen. Hier hat sich Feiyr.com in unserem Fall als Lösung angeboten. 

 

Dabei ergibt sich ein Henne-Ei-Problem: auf Seiten der Distributoren ist ePub 3 meist kein Problem, viele der Shops könnten es auch verkaufen, es gibt jedoch nur wenige Geräte, die ePub 3 in vollem Umfang abspielen können. Der Verkauf läuft entsprechend, was wiederum die Zurückhaltung in der Entwicklung von Seiten der Shops und auch der Verlage erklären könnte. 

 

Eine Schwierigkeit tauchte bei bestimmten Shopvorgaben auf. Ein Uploadvolumen von 40 MB beschränkt den Vertrieb von multimedialen eBooks zusätzlich. Videoinhalte können diese Grenze schnell überschreiten. 

 

 

Validierung

 

Die Distributoren und E-Bookshops haben zur Qualitätssicherung verschiedene Checks eingebaut. Der bekannteste Check ist der Validator des IDPF. Hier kann man eigenständig prüfen, ob das eBook gängigen Qualitätsstandards entspricht.

 

Beim Hochladen des eBooks bei den Distributoren oder in die Shops kann es eventuell trotzdem zu Warnungen oder Fehlermeldungen kommen. Gegebenenfalls müssen dann Korrekturen vorgenommen werden.

 

 

Buchpreisbindung

 

Überlegungen zur Distribution und zum Verkauf des eBooks beinhalten auch die Preisgestaltung. Bücher unterliegen in Deutschland der Buchpreisbindung. Das bedeutet, dass der Verlag den Preis bestimmt und Bücher überall zum gleichen Preis angeboten werden müssen. Auch eBooks unterliegen der Buchpreisbindung. Je höher der Grad an Multimedialität und Interaktivität eines digitalen Produktes, desto mehr verschwimmt die Grenze. Spielräume gibt es nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei „eBooks mit Multimedia-Applikationen (mit audio- bzw. audiovisuellen Funktionen, sofern sie für die Textnutzung von Bedeutung sind).“ 

 

Liegt zum eBook auch ein Print-Buch vor, so sollte das digitale Produkt nicht teurer sein als das Printbuch. Derzeit ist ein Preis von 20-30 Prozent unter dem des Printprodukts gängig. 

 

 

Fazit

 

In der Entwicklung des E-Books „OER für alle!“ hat sich herausgestellt, dass ePub 3 noch nicht für alle gleichermaßen praktikabel ist: Die reibungslose Herstellung und gute Darstellung auf möglichst vielen Readern kann zum heutigen Zeitpunkt nur mit Hilfe von Dienstleistern oder mit Programmierkenntnissen befriedigende Ergebnisse liefern. Außer dem iPad(mini) mit iBooks gibt es kaum passende Reader, die ePub 3 vollständig darstellen können und die Distribution ist noch nicht auf diese Art von eBooks, mit multimedialen Inhalten eingestellt. Hier sind vor allem die Tablet-Hersteller, Shops und Distributoren gefragt, auf den neusten Standard umzurüsten.