Dickes Lob für Bildungsmaterial “Zeugen der Shoah”: Übersichtlich, intuitiv, authentisch

 

Das Bildungsmaterial “Zeugen der Shoah” hat es in sich: Es besteht aus vier Film-DVDs mit Zeitzeugen-Interviews, vier DVD-ROMs mit Zusatzmaterial, einer Print-Lehrerhandreichung und einer umfangreichen Online-Plattform. Verwirrende Vielfalt? Nur für Technik-Profis?

 

Im Rahmen der Werkstatt.bpb-Aktion “Ausprobiert” haben 30 Lehrende das Material für uns getestet. Auch die CVJM-Hochschule in Kassel hat sich beteiligt, die Test-Ergebnisse fassen Cindy Gresselmeyer und Professor Dr. Stefan Piasecki hier für uns zusammen. Das Feedback der anderen Tester_innen veröffentlichen wir in Kürze!

 

 

“Zeugen der Shoah” im Test

 

Das durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Kooperation mit der Freien Universität Berlin produzierte Bildungsmaterial “Zeugen der Shoah” (DVDs & Lehrerhandreichung) wurde im April durch die Forschungsstelle Medienpädagogik der CVJM-Hochschule in Kassel von Studenten der Hochschule, Schülern einer berufsbildenden Schule bei Frankfurt und Gymnasiasten ausprobiert und bewertet.

 

Zeitzeug_innen gibt es fast 70 Jahre nach Ende der organisierten Judenverfolgung immer seltener, um so wichtiger schätzten auch alle Proband_innen die direkte virtuelle Begegnung mit den Überlebenden der Shoah ein. Die auf den DVDs “Zeugen der Shoah” enthaltenen Interviews sind in Kapiteln nach Schwerpunkten unterteilt und so selektiv abspielbar. Weiterführende Lernsoftware und animierte Karten knüpfen an die gefilmten Gespräche an, sollen dem Unterrichtsmaterial “Interaktivität” verleihen und richten sich an Schüler_innen der Sekundarstufe I und II.

 

Was mag nun dieses Lernpaket können, was ein Geschichtsbuch und Lehrer_innen an der Tafel nicht können – oder: möglicherweise nicht so gut können?

 

 

Übersichtliche Vielfalt

 

Zunächst erfreut die Vielfalt des Materials auf den vier Video-DVDs und vier DVD-ROMs: Die übersichtliche Programmoberfläche bietet eine Mediathek mit zusätzlichen Grafiken, Texten und Bildern sowie ein Online-Lexikon. Die Datenträger waren auf den getesteten Plattformen Mac und PC direkt startbar und funktionierten augenblicklich und ohne besondere Installation – ein großer Vorteil insbesondere für den Einsatz in Schulen mit möglicherweise wenig berechenbar eingerichteter und funktionsfähiger Hardware.

 

Das Material ist vielfach einzusetzen – es kann sowohl zentral auf Arbeitsplatzrechnern als auch im Beamer-Einsatz verwendet werden.
Das Angebot ist für den Einsatz in verschiedenen Schulfächern ausgelegt; direkt bieten sich die Fächer Politik, Geschichte, Deutsch und möglicherweise auch Religion und ein bilingualer Unterricht an, da einige der Interviews in anderen Sprachen als Deutsch geführt wurden.

 

Das Programmpaket ist für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen und weicht so von dem Altersfreigaberaster der FSK ab, ist als Informationsprodukt allerdings daran auch nicht gebunden.

 

 

Intuitive Bedienung – (nicht nur) für Eilige

 

Die Bedienung ist weitgehend intuitiv und verzichtet auf unnötige – und dem Thema auch unangemessene – grafische Spielereien. Die Anlage von “Benutzerkonten” erlaubt die Speicherung des Arbeitsfortschritts. Die in Segmente aufgeteilten Interviews erlauben es Lehrer_innen, in der oftmals eiligen Unterrichtssituation schnell die gewünschten Abschnitte aufzurufen und nicht im Videomaterial “scrubben” zu müssen. Texte und Bilder sind getrennt aufrufbar, so dass Nutzer_innen sich gemäß des eigenen Informationsinteresses innerhalb der Software bewegen können. Diese inhaltliche und technische Verschränkung des Angebots lässt es auch zu, dass die Nutzer_innen sich “treiben” lassen. Verlinkungen durch Schlagworte finden sich im Lexikontext, aber nicht in anderen Bereichen.

 

 

Begleitmaterial übertrifft Erwartungen

 

Das Begleitmaterial besteht aus einer technischen Anleitung und einem didaktischen Lehrerheft mit zusätzlichen Informationen und Handreichungen. Die didaktischen Kommentare und Frage- und Antwortkataloge erlauben auch den Einsatz durch fachfremd unterrichtende Lehrkörper. Insbesondere die im Begleitheft erläuterten Verfahren der Videoanalyse und die Impulse zur Arbeit mit Videointerviews sind hilfreich auch für medienpädagogische Projektarbeit und übertreffen sogar das erwartbare Maß an pädagogischer Hinführung. Protokollbögen und Kopiervorlagen fragen mediendidaktische Beobachtungen und Emotionen der Nutzer_innen ab und bieten Gruppen- und Einzelaufgaben. Dies ist sinnvoll, da das Programm seinerseits auf Einzel- oder Gruppenarbeit angepasst werden kann.

 

 

Geschichte mit “Wiedererkennungseffekt”

 

Gelobt wird die insgesamt gute thematische Aufteilung des Stoffes auf den DVD-ROMs nach eindeutig identifizierbaren und verständlichen Topoi. Die zu Wort kommenden Menschen sind die Originale! Es sind ihre Leben, über die sie berichten und so sind sie in der Lage sowohl authentisch als auch lebensnah zu wirken.

 

Angestrebt wird von den Produzenten eine “Personifizierung” der Geschichte. Diese gelingt tatsächlich durch die persönliche Darstellung des Lebens der Betroffenen als Jugendliche und ihrer Alltagssorgen, die sich auch vor 70-80 Jahren mitunter verblüffend ähnlich darstellen wie heute und dadurch an der Lebenswelt von heutigen Schüler_innen anknüpft. Die Erinnerungen der Zeug_innen handeln von Familien, Geschwistern, Müttern und Vätern. Es geht auch um Situationen in Schulen, ausgehend von einem ganz normalen Leben, in das sich auch heute Jede_r hineinversetzten kann. So wird Geschichte persönlich erfahrbar. Der “Wiedererkennungseffekt” wurde konkret für die Schüler_innen der berufsbildenden Klasse bei Frankfurt noch durch die Schilderungen der Zeitzeugin Lissi verstärkt, die ihre Kindheit im Umfeld einer Frankfurter Synagoge erlebte und deren Gegend und Straßennamen den Schüler_innen in Hanau bekannt waren.

 

Getestet wurde das Material von Studierenden der CVJM-Hochschule in Kassel: Sven Holtkamp, Christopher Pilz, Tamara Wenzel, Maren Kamczyk, Ulrike Fiedelak und darüber hinaus von Cindy Gresselmeyer mit einer berufsbildenden Klasse der EIBE Schule in Hanau bearbeitet.

 

Text: Cindy Gresselmeyer und Stefan Piasecki

Foto: Flickr / Horia Varlan / CC BY 2.0