Öffentliche Gelder für öffentliche Güter: Studie zu Open Educational Resources (OER)

 

Unter den Nerds der Bildungswelt sind OER (frei übersetzt: offene Bildungsmaterialien) längst nicht mehr erklärungsbedürftig. In Zeitlupe drängt die Vision einer offeneren Bildung und ihrer Gestaltung nun in Regierungsinstutionen, Stiftungen und Bildungsorganisationen. Was in manch anderem Land bereits gelebter Alltag ist, wird nun in einer Studie untersucht.

 

In “Open Education in Berlin. Benchmark und Potentiale” hat sich Leonhard Dobusch, Freie Universität Berlin, im Auftrag der Technologiestiftung Berlin näher mit offener Bildung und offenen Materialien beschäftigt. Leonhard Dobusch hat werkstatt.bpb.de fünf zentrale Fragen zur Studie beantwortet.

 

 

Redaktion: Was würden Sie zu Lehrkräften sagen, die wissen möchten, warum es nützlich sein kann, sich mit offenen Bildungsmaterialien zu befassen?

 

Dobusch: Lehrer_innen profitieren meiner Meinung nach doppelt von offenen Bildungsmaterialien: Als Nutzer_innen und als Produzent_innen von Lernmitteln. Was offen lizenziert veröffentlicht wurde, ist im Netz einfacher über ganz normale Suchmaschinen zu finden und flexibler einsetzbar, weil keine proprietären Formate oder Kopierschutztechnologien im Weg stehen. Gleichzeitig können Lehrkräfte Arbeitsblätter auf Basis von offenen Bildungsmaterialien erstellen und diese ohne Probleme selbst wieder im Internet für Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung stellen, ohne dass sie eine Abmahnung fürchten müssen. Zusammengenommen führt das dazu, dass der Austausch von Bildungsmaterialen über die Grenzen des Lehrerzimmers hinaus viel besser möglich wird.

 

 

Redaktion: Aus welcher Notwendigkeit heraus ist die Untersuchung zu OER in Berlin veranlasst worden? Und warum beschränkt sie sich auf Berlin?

 

Dobusch: Im Berliner Abgeordnetenhaus wurde im Februar dieses Jahres ein Antrag zur Förderung durch die Regierungsfraktionen beschlossen. Er fordert die Verwaltung dazu auf, “das Prinzip von offenen digitalen Bildungsressourcen (sog. „Open Educational Resources“) in der schulischen Bildung umzusetzen”. Wie genau so eine Umsetzung aussehen könnte? Dazu wurde erst einmal eine Arbeitsgruppe eingesetzt und die Technologiestiftung Berlin wollte mit der Beauftragung einer Studie einen Beitrag zur Meinungsbildung leisten. Daraus folgt aber auch der Fokus auf Berlin: es geht in der Studie wirklich darum, Vorschläge für die konkrete Situation in Berlin zu entwickeln. Meiner Meinung nach ist das auch sinnvoll. Gerade angesichts des deutschen Bildungsföderalismus ist die Anpassung von OER-Initiativen an lokale und regionale Gegebenheiten entscheidend.

 

 

Redaktion: In der Studie wird darauf verwiesen, dass mit offenen Bildungsmaterialien an eine der ältesten Bildungspraktiken angeknüpft wird; nämlich die Weitergabe von Wissen zwischen Lehrenden und Lernenden sowie innerhalb dieser Gruppen. Zugleich heißt es, sämtliche Stakeholder im Bereich Bildung, also Schüler_innen, Lehrer_innen, Eltern, Bildungsmedienverlage u.s.w., betreten mit der Hinwendung zu OER „Neuland“. Wie passt es zusammen, dass eine alte Lehrpraktik in einem für die Bildungswelt anscheinend so befremdlichen Gewand daher kommt?

 

Dobusch: Die Weitergabe von Wissen ist die Kernaufgabe von Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Universitäten. Und selbstverständlich haben Lehrkräfte an diesen Bildungseinrichtungen schon immer untereinander Lernmittel, Tipps und Tricks ausgetauscht. Das stand und steht dort auf der Tagesordnung. Das neue an OER ist jetzt, diesen Austausch über die Grenzen der einzelnen Bildungseinrichtung hinaus zu ermöglichen. Technologisch ist das dank Digitalisierung und Internet schon seit einiger Zeit relativ einfach möglich, rechtlich betritt man damit jedoch ein Minenfeld. Solange Austausch nur informell in einer Schule oder Universität passiert ist, haben sich urheberrechtliche Fragen kaum gestellt – auch weil eine Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen in solchen Fällen unpraktikabel war. Wenn Lernmittel aber frei im Netz zirkulieren sollen, dann klappt das nur mit offenen Urheberrechtslizenzen, die genau das ermöglichen. Solche Lizenzen wollen aber auch verstanden werden und erfordern neue Finanzierungs- und Geschäftsmodelle. 

 

 

Redaktion: Was sind Ihres Erachtens momentan die größten Hemmnisse für ein Vorankommen von OER im Schulbereich?

 

Dobusch: Das Hauptproblem ist, dass die Finanzierung von Lehr- und Lernmitteln an Schulen stark auf den Ankauf von Schulbüchern ausgelegt ist. Eine Vorfinanzierung oder Ausschreibung von OER-Lernmitteln ist einfach nicht vorgesehen. Deshalb sind Bildungsmaterialien im Schulbereich zwar größtenteils öffentlich oder über Elternbeiträge finanziert, die Unterlagen deshalb aber noch lange nicht offen zugänglich. Hier gilt es, die Finanzierung von OER mit ohnehin vorhandenen Geldern zu ermöglichen und zu Beginn auch Unterstützung durch Information und Bonussysteme zu leisten.

 

 

Redaktion: Am Ende der Untersuchung finden sich drei aufeinander aufbauende Szenarien mit Handlungsempfehlungen für OER im Schulbereich. Welches Szenario würden Sie sich herbeiwünschen, welches ist Ihrer Ansicht nach das realistischste?

 

Dobusch: Mein Wunschszenario wäre natürlich das Szenario “Vorrang für OER”, das heißt dass von Seiten der Politik starke, auch monetäre Anreize für die Investition in OER gesetzt werden. Konkret würde das über gut dotierte OER-Wettbewerbe sowie ein Bonussystem laufen: Wenn eine Schule in OER-Lernmittel investiert, erhält sie 15 bis 25 Prozent als OER-Bonus zusätzlich. Dieses Bonussystem ist meiner Meinung nach schon deshalb fair, weil durch Investitionen in offenes Bildungsmaterial öffentliche Güter entstehen. OER können auch von all jenen genutzt werden, die nicht in die Erstellung investiert haben. Ein OER-Bonus wäre deshalb nur gerecht. 

 

Redaktion: Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

Foto: flickr.com/opensourceway, Lizenz: CC BY-SA 2.0