Macher_innen im weiten Raum des Netzes 

 

Mit seiner „Rede zur Lage der Nation“ rüttelte Vorzeige-Blogger Sascha Lobo auf der re:publica 14, Europas größter Internetkonferenz, die Netzgemeinde wach. Ein Aufschrei, dem Gehör gespendet wurde – zumindest seitens des re:publica-Publikums. In der allgemeinen Medienberichterstattung verblassten seine Worte vor den Ereignissen des Weltgeschehens. Immer noch sind Netzthemen nicht massentauglich, dabei gehen sie alle an.

 

Marc Schakinnis, studiert Bildungswissenschaft und startete kürzlich einen sog. ldl-MOOC (offener Onlinekurs), nimmt die Werkstatt-Leser_innen mit auf einen Streifzug über die re:publica 14. Er zeigt zentrale Themen auf, legt Verbindungen des Internets und der Bildung offen und erklärt, wieso wir in Sachen Teilhabe viel von kleinen Projekten im Netz lernen können:

 

 

Mit dem überzogenen Titel „Rede zur Lage der Nation“ mahnte Sascha Lobo am ersten Tag der re:publica 14 die Besucher_innen an, für ihre Vorstellung von einem „freien und offenen Internet ohne staatliche Überwachungsszenarien und mit einer echten Netzneutralität“ einzustehen. Dazu gehöre auch, die entsprechenden finanziellen Mittel durch Spenden bereitzustellen. Die für Freiheit und Unabhängigkeit im Internet auftretende „Hobby-Lobby“, wie beispielsweise Netzpolitik.org oder die „Digitale Gesellschaft“ sei dramatisch unterfinanziert. Es brauche aber eine professionelle und monetär gut aufgestellte Vertretung der Netzgemeinde, um politische Prozesse wirksam anschieben zu können. Beharrlichkeit koste Geld, sagt Lobo, sei aber notwendig, um in der heutigen Politik überhaupt angehört zu werden. Er zeichnete zeitlich noch einmal die dramatischen Ereignisse der Snowden-Affäre nach und bezeichnete das Internet als „derzeit kaputt“.

 

Die Vorträge und Diskussionen auf der re:publica 14 gingen auf diese Bedrohung entweder thematisierend oder ignorierend ein. Es gab einige Sessions zum Thema „Freiheit und Sicherheit im Netz“, in denen vorhandene Missstände diskutiert, aber kaum konkrete Lösungen angeboten wurden. Es fanden aber auch Vorträge und Diskussionen statt, die im Sinne von „weiter so als wäre nichts gewesen“ nicht speziell auf die Sicherheit und Freiheit im Netz eingingen.

 

Nun kann man die Frage stellen, ob Sicherheit und Freiheit wirklich in allen Fachthemen Eingang finden müssen: Braucht die re:publica nicht auch Platz für Projekte in den Rubriken re:learn (lernen), re:health (Gesundheit) und re:culture (Kultur)? In einem kurzweiligen Beitrag zu „Sketchnotes für Einsteiger“ mit aktiver Teilnahme der Sessiongäste ist weniger Platz für Netzpolitik und Spendenaufrufe, aber doch für die Freiheit des Netzes: Hier wurde ein bedeutendes Argument für Freiheit und Netzneutralität unterstützt – nämlich das Mitmachen als wertvollste Errungenschaft des Web2.0. Für eine Lobbyarbeit im Hinblick auf ein „freies Internet mit teilgebenden Nutzer_innen“ ist es notwendig, dass, neben aller Kritik, weiterhin wertvolle Inhalte produziert werden. Genau dafür standen viele Beiträge auf der re:publica 14. Hier bekamen kleine und große Macher_innen im weiten Raum des Netzes einen Platz, um ihre Inhalte vorzustellen, die teils beruflich und teils in der Freizeit hervorragende Anwendungen und Inhalte in die Weiten des Netzes spülen. So treten bloggende Väter aus Ihren Nischen und teilen Ihre Sorgen genau wie ihre Erfolge mit der Internetgemeinde und eben auch mit den Besucher_innen der re:publica. Wissenschaftler_innen zeigen jungen Gästen wie man Zeitgeschichte twittern kann. Autist_innen können ihre Sicht der Welt in Blogs beschreiben, ohne auf eine face-to-face-Kommunikation, die ihnen so unendlich schwer fällt, angewiesen zu sein.

 

Gerade diese kleinen Projekte, oft von privaten Initiativen erstellt, machen ein „Internet zum Mitmachen“ wertvoll und begründen damit die Forderung von Freiheit und Sicherheit im Netz. Und das alles, ohne politisch auf Überwachung, Kontrolle und Freiheit hinzuweisen. Gemeinsamkeiten haben diese Projekte mit den Aktionen und Aufrufen von Aktivist_innen der Netzpolitik insofern, dass sie dramatisch finanziell unterversorgt sind. So wurde eine App „LetMeTalk“ für Autist_innen vorgestellt, die von einer Mutter eines autistischen Kindes initiiert worden ist – ein Projekt um Autisten Kommunikation zu ermöglichen, indem sie auf einem Smartphone oder Tablet Bilder anklicken, die dann in einem zusammenhängenden Satz vom Medium ausgesprochen werden. Um diese App auch auf allen Plattformen zur Verfügung zu stellen, fehlen die finanziellen Mittel.

 

Solche Projekte sind, genau wie die Organisationen rund um die Netzpolitik, auf Spenden angewiesen. Dafür brauchen sie die re:publica als Bühne, um vor Politik und Gesellschaft immer wieder beharrlich zu untermauern, wie sinn- und wertvoll Netzneutralität ist, um solche kreativen Projekte im Internet entstehen zu lassen. Werden die Nutzer_innen hinter dem Netz nur noch Konsument_innen von bereitgestellten Informationen der Großkonzerne, fehlen wichtige Argumente für ein freies und neutrales Netz. Deswegen ist die re:publica mehr als ein potentieller Spendentopf. Sie ist eine Multiplikatorin für den Kernpunkt des Web2.0 – dem Internet zum Mitmachen. Die Veranstalter der republica 14 haben das erkannt und vielen jungen Projekten eine Bühne geboten. Die Wutrede von Sascha Lobo wurde passend in das Programm integriert.

 

Es ist an der Zeit, Crowdfunding und Fundraising für den Erhalt der Netzneutralität und den persönlichen Datenschutz einzufordern, genau wie es notwendig ist, mit guten Projekten zu zeigen, wie in diesem freien Netz zusammen gelernt und gelebt werden kann, wie Ideen geboren und umgesetzt werden, um mehr Teilhabe zu ermöglichen. Dass Forderungen nach Spenden nicht unfruchtbar bleiben, merkte Netzpolitik.org in seiner Kasse schon kurz nach Ende der re:publica 14. Gleichzeitig gibt die re:publica auch vielen unpolitischen, aber sehr kreativen Projekten eine Bühne, um seine Vielfältigkeit und Teilhabemöglichkeiten zu zeigen.

 

 

Morgen, Freitag 16. Mai 2014, schaut werkstatt.bpb.de in einem Beitrag ein paar Sessions des re:learn-Slots auf der re:publica 14 noch einmal genauer an. Mehr zur re:publica gibt es auch auf netzdebatte.bpb.de.

 

Foto: Violetta Leiva Martinez / Kooperative Berlin, Lizenz: CC BY-SA 3.0