Erkenntnisse zur Lehrerausbildung – Teil 2

An der Uni fehlen Orte für Lehramtsstudierende, an denen sie sich treffen, vernetzen und Erfahrungen austauschen können, meint kreidestaub.net. Gemeinsam wollen die angehenden Lehrer_innen diskutieren und hospitieren, um verschiedene Wege zu erforschen, wie Lernen initiiert werden kann. Im Herbst 2013 ist das Netzwerk zu einer Bildungsreise aufgebrochen und berichtet nun auf werkstatt.bpb.de in einem zweiteiligen Bericht von den gemachten Erfahrungen und den daraus gezogenen Erkenntnissen für die Lehrerausbildung. 

 

zu Teil 1

 

Die vielbeachtete Meta-Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie hat ergeben, dass das, durch die Ausbildung erworbene Fachwissen einer Lehrperson, nur einen sehr geringen Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler_innen hat. Bezüglich des Fachwissens betont Hattie: „That doesn’t mean that we should ignore it. We need to understand why it doesn’t matter, so that we can make it matter. We need to get it right.” „To get it right“ hieße in diesem Fall, die Lehrerbildung derart zu gestalten, dass sie einen starken positiven Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler_innen nimmt. Beachtenswert ist, dass dieser starke positive Einfluss nach Hattie durchaus durch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen erreicht werden kann. Lehrerbildung ist also dann erfolgreich, wenn auf Alltagserfahrungen zurückgegriffen werden kann und ein begleitendes „learning on the job“ stattfindet.

 

Die folgenden Ansätze zur Professionalisierung des Lehrerberufs begreifen sich dabei keinesfalls als erwiesene „best practice“, vielleicht aber als praxiswürdiger Versuch. Zunächst sollte dem Fachanteil im Studium nicht seine Berechtigung abgesprochen werden. Stattdessen gilt es, die angehenden Lehrer_innen stärker für ihr Kerngeschäft zu professionalisieren. Und dieses ist nicht das reine Fach, sondern die Fachdidaktik, das Einordnen der Inhalte in Weltbezüge, um Schüler_innen das Erkennen von Zusammenhängen zu erleichtern, und die pädagogische Begleitung des Lernprozesses zu ermöglichen. Die Studierenden selbst sollten ihr Fachwissen nicht nur beherrschen, sondern es noch stärker dahingehend diskutieren, wie Fachinhalte in einen bedeutsamen lebensweltlichen Zusammenhang gesetzt werden können, um das Interesse und die Begeisterung der Lernenden zu wecken.

 

 

Die Lehramtsstudierenden als Erforscher_innen der eigenen Tätigkeit

 

„Schüler haben ein Anrecht auf erwachsen gewordene Erwachsene“, sagt der Erziehungswissenschaftler und Bildungsjournalist Reinhard Kahl und meint damit letztlich, dass eine Lehrperson zunächst ein selbstreflektierter Mensch sein soll, der sich seiner Möglichkeiten, Prägungen und Grenzen bewusst ist. Auch Lehramtsstudierende haben von daher das Anrecht, sich zu erfahren und somit zu wachsen: Das hieße, sie in der Ausbildung zu fördern, indem sie vielfältige Erfahrungen machen, Erfahrenes kritisieren, eigene Visionen von Schule und Lehrerhandeln entwickeln und überprüfen sowie ihre (Schul-)Biografie aufarbeiten. Den entschlossenen Lehramtsanwärter_innen gerecht zu werden, bedeutete dabei vor allem, einen auf sie zugeschnittenen Studiengang zu entwickeln.

 

Denkbar wäre, die Lehrerausbildung bereits frühzeitig als eine Art duales Studium anzulegen und kontinuierlich Praxistage mit Unitagen abzuwechseln. Durch einen frühzeitigen und regelmäßigen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen können sich Lehrer_innen in unterschiedlichen Situationen und pädagogischen Rollen ausprobieren. Diesen Erfahrungen, ihrer Reflexion und dem Entwickeln eigener Ansprüche an das pädagogische Handeln sollte zudem besonderer Raum während des Studiums gegeben werden: Wie gestalte ich meine Beziehung zu den Schüler_innen? Wie kann ich auch in persönlichen Belastungssituationen wertschätzend handeln und die Lernatmosphäre fördern?

 

In der Universität sollte das Fachwissen unmittelbar mit der Fachdidaktik verbunden und die pädagogische Theorie um alltagsrelevante Erfahrungsräume ergänzt werden. Dies bedeutet, zeitgemäße Unterrichtsmethoden wirklich zu erlernen und zu entwickeln, lernpsychologische Theorien zu kennen und in der Praxis umzusetzen, Kommunikationsmethoden und das Moderieren von Gruppen zu üben, sich systematisch mit verschiedenen Schulmodellen und ihren Besonderheiten auseinanderzusetzen und Unterschiede vor Ort zu erfahren. Die angehenden Lehrer_innen würden also selbst zu Lernenden, die eigene Haltungen und Visionen entwickeln, überprüfen und weiterentwickeln, indem sie ständig eigene Erfahrungen in der Praxis und Theorie machen und diese reflektieren. Den Kommiliton_innen kommt dabei als Partner_innen für Austausch und Reflexion eine zentrale Rolle im Sinne eines „peer coaching“ zu. Ein breit gefächertes Studienangebot, welches ebenfalls Freiräume für das Entwickeln, Planen, Organisieren, Durchführen und Dokumentieren/Reflektieren eigener Projekte bietet, sollte um Supervisionsgruppen, die systematische Auseinandersetzung mit der eigenen Bildungsbiografie sowie Stimm- und Präsenztraining ergänzt werden. Ein gewisser Trend in diese Richtung scheint sich in Form der Zentren für Lehrerbildung oder „Professional Schools“ zwar abzuzeichnen, ihre fakultativen Angebote sind jedoch begrenzt und allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.

 

 

Ein Plädoyer an die Entschlossenheit

 

Diese Ansätze begreifen sich mehr als Beginn einer Suche, denn als Lösung für die Ausbildung zu einem derart komplexen Beruf. Es sind gerade die mögliche Vielfalt und der Gestaltungsraum, die uns inspirieren, gemeinsam mit anderen eine Antwort unter vielen zu suchen und zu finden. Noch ist unser Studiengang an den Unentschlossenen ausgerichtet: Ein bequemes Wechseln ist jederzeit möglich, das Fachstudium kommt nicht mit didaktischen Inhalten in Berührung – es besteht ja nur eine “Lehramtsoption”. Doch was wäre, wenn das Studium für die Entschlossenen unter uns gemacht wäre? Wenn es sich wie ein Pendel im Dreieck von Erfahrung, Reflexion und Wissenschaft bewegt? Was, wenn wir die besten Schulen der Welt vor Augen hätten und von Beginn an unsere ganze Person auf den Lehrerberuf vorbereitet würde, nicht nur unser Wissensspeicher? Auch die Unentschlossenen wüssten dann besser, woran sie sind.

 

 

zu Teil 1

 

Foto:flickr/Patrick Yodarus, Lizenz: CC BY-SA 2.0