Heterogene Gesellschaften äußern sich mit unterschiedlichen Stimmen zu aktuellen Debatten oder Ereignissen. Je vielseitiger das Spektrum der genutzten Informationskanäle, desto mehr könne die eigene Perspektive erweitert werden, so der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch. Häufig überrasche aber auch ein gemeinsamer Tenor. In seinem Beitrag beschreibt er, wie viele junge Migrantinnen und Migranten durch ihre Meinungsäußerung über Online-Magazine an gesellschaftlichen Debatten partizipieren.  

 

Multimedia ist hip. Den Eindruck gewinnt man, wenn man sich aktuelle Diskussionen über die Zukunft der pädagogischen Arbeit anschaut. Umso erstaunlicher ist es, dass dabei nur selten auf die Vielzahl von Angeboten eingegangen wird, die in den letzten Jahren von jungen Migranten initiiert wurden. Ob Facebook, Myspace oder Online-Magazin – auch Jugendliche mit Migrationshintergrund haben das Internet für sich entdeckt und prägen damit die öffentliche Debatte. Noch vor kurzem waren es vor allem Gangsta-Rapper wie Bushido oder Massiv, die mit ihrem Ghetto-Gehabe von Zeit zu Zeit auch unter Nicht-Migranten Beachtung fanden. Mittlerweile reicht ein Blick in Online-Magazine wie migazin.de oder cube-mag.de, um auch andere Stimmen zu hören, die mit dem brachialen Auftreten der vermeintlichen Kiezgrößen nichts zu tun haben. 

 

Es lohnt sich, diesen Stimmen auch in der pädagogischen Arbeit Gehör zu verschaffen, denn nicht selten bieten sie Perspektiven, die in der Mehrheitsgesellschaft ansonsten kaum wahrgenommen werden. Zum Beispiel, wenn es um die Kredit-Affäre um Bundespräsidenten Christian Wulff geht. Für manche Muslime lässt sich die öffentliche Kritik an Wulff nicht allein mit fragwürdigen Schenkungen von Freunden aus der Wirtschaft erklären. Für sie ist es vor allem Wulffs ausdrückliches Bekenntnis zum Islam als Teil von Deutschland, das das weitverbreitete Misstrauen gegenüber dem Bundespräsidenten befördert. Nicht zufällig sei es die Bild-Zeitung, die sich wie schon nach Wulffs Rede zur deutschen Einheit, in der er sich für eine Anerkennung des Islam in Deutschland aussprach, an die Spitze der Kritiker stellt. Ein anderes Beispiel ist die immer wiederkehrende Diskussion um Ehrenmorde, wie sie zuletzt nach dem Mord an einer jungen Frau in Detmold entbrannte. Auch hier melden sich junge Muslime zu Wort, um eine Differenzierung der Debatte einzufordern. 

 

In der Diskussion mit Jugendlichen – ganz gleich, ob Migranten oder nicht – können solche Positionen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie unterschiedlich gesellschaftliche Ereignisse wahrgenommen werden. Allerdings, und das ist nicht weniger bedeutsam, geht es eben nicht allein darum, eventuelle Unterschiede herauszuarbeiten. In vielen Fällen sind es gerade auch die Gemeinsamkeiten, die manchen Leser überraschen könnten. Ob Umweltschutz, Hartz IV oder Euro-Krise – auch zu diesen Themen äußern sich junge Migranten immer wieder, ohne das dabei der eigene Glauben oder die Herkunft der Eltern im Vordergrund stünden. Auch junge Migranten, das wird in diesen Diskussionen deutlich, sind eben nicht “nur” Migranten, sondern vor allem auch Jugendliche, deren Ansichten und Interessen sich oft nur unwesentlich von Nicht-Migranten unterscheiden. 

 

Foto: Flickr/Mark Wiewel