Wenn es ein Abiturient oder eine Abiturientin schafft, während der letzten vierstündigen Mathe- Abschlussklausur in Begleitung der zweiten Aufsichtsperson, die vor der Tür des Klos warten muss, per Handy tonlos von einem zu Hause sitzenden Freund die Lösung einer schwierigen Aufgabe vom Display seines Handys abzulesen, ohne dass die Aufsichtsperson das merkt und deshalb eine gute Punktzahl in Mathe bekommt, dann hat er eine gute Note verdient, denn er hat sich unter erschwerten Bedingungen als außerordentlich erkundungsstark erwiesen. Die bisherige Schule ordnet so etwas aber als Betrugsversuch ein. Es ist heute nicht unabdingbar wichtig, auf Kommando die Hauptstadt von Burkina Faso hersagen zu können, wichtig ist zu wissen, wie man das ganz schnell herausbekommt. Man sollte allerdings wissen, wie die Hauptstadt von Italien heißt, denn das gehört zum allgemeinbildenden Fundamentum.

 

Einige Rechtschreibdidaktiker und -didaktikerinnen sagen, heute müsste man nicht mehr in Schönschrift mit einer einzigen Linie das Wort Elefant schreiben können, wichtig sei, dass man das leserlich in Druckbuchstaben hinbekommt, denn in 30 Jahren werde kein Mensch mehr ein Wort in lateinischer Schreibschrift schreiben, sondern es in ein Gerät eintippen. Einige Mathematikdidaktiker und -didaktikerinnen ergänzen, das Schätzen des Ergebnisses einer Rechenaufgabe wie 39,31 mal 41,72 sei heute wichtiger, als die genaue Ziffernfolge des Ergebnisses zu vermitteln, die sowieso ein Taschenrechner liefert.

 

Bei der erwähnten Aufgabe zu wissen, dass da ungefähr 40 mal 40, also etwa 1.600 herauskommt, sei höher zu bewerten, als die richtige Ziffernfolge des Ergebnisses zu finden und dann das Komma falsch zu setzen, so dass das Ergebnis zehnmal zu groß oder zu klein gerät, weil kein Gefühl für die Größe des Ergebnisses vorhanden ist.

 

So ändert sich also manches. Wenn man jedoch in die Hirnforschung guckt, dann müssten Schulen endlich aufhören mit dem Unsinn, Klassenarbeiten über den Stoff der letzten sechs Wochen schreiben zu lassen, denn wenn sie wissen wollen, ob Schülerinnen und Schüler wirklich nachhaltig etwas gelernt haben, dürften sie nur Stoff prüfen, der vor den letzten sechs Wochen gelernt wurde.


 

„Non scholae, sed vitae“ sagen die alten Römer, heute lernen aber immer noch die meisten Schüler und Schülerinnen für die Schule und nicht für das Leben. Menschen lernen durch Wiederholung; im Durchschnitt muss ein mittelmäßig interessanter Stoff sechsmal wiederholt werden, damit er auf Dauer im Hirn verankert wird. Das meiste, das die Schule bietet, ist für viele Lernenden mittelmäßig bis gar nicht interessant. Aber für eine sechsmalige Wiederholung bleibt den deutschen Halbtagsschulen mit den dicksten Lehrplänen der Welt, mit Hürden bereits am Ende der Klasse 4 und mit zentral gesteuerten Abschlussprüfungen gar keine Zeit, so dass in ihnen auch kaum etwas für das Leben gelernt wird.


 

Und nun noch ein Dienst am rätselnden Leser, an der rätselnden Leserin: Die Hauptstadt von Italien heißt Rom und die von Burkina Faso trägt den schönen Namen Ouagadougou. Sie werden das wieder vergessen, wenn Sie das nicht sechsmal in sechs Wochen wiederholen!

 

Autor: Peter Struck

Foto: Flickr/Robert of Fairfax

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